Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!

Ilja-Ehrenburg-Straße im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel

Offener Brief an die Hansestadt Rostock und ihren Oberbürgermeister,
Herrn Roland Methling,

Uns ist das Vorhaben des Oberbürgermeisters der Hansestadt Rostock bekannt geworden, in einer der nächsten Sitzungen der Bürgerschaft einen Beschluss über die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel herbeizuführen.

Wer war Ilja Ehrenburg?
Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg (1891 Kiew –1967 Moskau) war Schriftsteller, Publizist, Übersetzer aus mehreren Sprachen und Dichter. Er berichtete bereits von den Fronten des Ersten Weltkrieges, erlebte den gesamten Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten des republikanischen Spanien vor Ort, war der meistgelesene sowjetische Journalist im Zweiten Weltkrieg, engagierte sich im Kampf gegen den Antisemitismus und in der internationalen Friedensbewegung. Unter anderem ist Ehrenburg als einer der Redakteure des Schwarzbuches über den Genozid der faschistischen deutschen Eroberer an den sowjetischen Juden bekannt. Er war Jude und hielt, obwohl er nicht gläubig war, als Zeichen des Widerstandes gegen den Antisemitismus an dieser Identität fest. Ilja Ehrenburg war schon zu seinen Lebzeiten eine internationale Berühmtheit.
Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt.

Was wird Ilja Ehrenburg vorgeworfen, und was ist von diesen Vorwürfen zu halten?
• Ehrenburg war Stalinist.
Tatsache ist: Ilja Ehrenburg war Kommunist und deshalb schon in jungen Jahren gezwungen, aus dem zaristischen Russland zu emigrieren. Seine kosmopolitische Lebens- und Denkweise rief oft das Misstrauen der sowjetischen Staatsführung hervor. 1937 entging er nur knapp den Stalinschen Säuberungen. Einen im Zusammenhang mit Umsturzvorwürfen an jüdische Ärzte im Jahr 1953 lancierten Brief von Intellektuellen mit der Bitte um Deportation aller sowjetischen Juden unterzeichnete er nicht. Der Titel seines Romans „Tauwetter“ ist als symbolische Bezeichnung für die Nachstalinzeit in die Geschichte eingegangen. Ehrenburg war in seiner Zeit aktiv und hat im Interesse dessen, was ihm am Herzen lag und was er bewirken wollte, manchen Kompromiss geschlossen. Widersprüche in seiner Biographie müssen gegen sein Lebenswerk abgewogen werden.

• Ehrenburg war ein Deutschenhasser.
Tatsache ist: Ilja Ehrenburg lebte mehrere Jahre in Deutschland und arbeitete dort publizistisch und literarisch, er verfügte über tiefgreifende Kenntnisse zur deutschen Kultur und besaß ein umfangreiches politisches Wissen über Deutschland. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges lebte er in seiner Heimat und schrieb täglich für die Presse über die Lage an den Fronten und im Hinterland der deutschen Aggressoren. Angesichts der Grausamkeit des faschistischen Krieges, dem mehr als 20 Millionen Sowjetbürger zum Opfer fi elen, rief er zur entschlossenen Verteidigung der Sowjetunion auf. Diese Verteidigung konnte nur durch Zurückschlagen und, wenn immer nötig, auch durch das Töten des Aggressors geleistet werden.

Wer erhebt diese Vorwürfe?
Ehrenburgs Werke fi elen 1933 in Deutschland den Bücherverbrennungen zum Opfer. Sein Name stand auf der Sonderfahndungsliste des Reichssicherheitshauptamtes. Am 22. September 2001 demonstrierten ca. 300 Neonazis für eine Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße durch Rostock-Toitenwinkel. Am Rande des Aufmarsches wurden Jugendliche von Neonazis angegriffen und das Straßenschild mit einem Müllsack verhängt. 2003 überklebten vermutlich Neonazis die Straßenschilder der Ilja-Ehrenburg-Straße mit Aufklebern „Rudolf-Heß-Straße“.
Die Gefahr, mit einer Umbenennung der Straße objektiv den Neonazis und ihrer antisemitischen und geschichtsrevisionistischen Hetze in die Hände zu spielen, ist groß. Rostock hat noch nach jahrelangen Bemühungen Defi zite bei der Aufarbeitung der politischen Aspekte seiner Technik- und Industriegeschichte. Die Stadt hat darum alle Gründe, erneute Rufe nach einer Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße kritisch auf ihre historische Berechtigung und ihren politischen Gehalt zu prüfen.

Erstunterzeichner/innen:
Althaus, Günter (Bürgerschaft Rostock, Fraktion Die Linke.PDS) // Bartels, Gerhard (Bürgerschaft Greifswald) // Engel, Adelia (Vors. Freunde der russischen Sprache e.V.) // Fuchs, Christel (Bürgerschaft Rostock, Fraktion Rostocker Bund) // Jahnke, Karl Heinz (Historiker) // Jawinsky, Johanna (Historikerin) // Karger, Harald (Berufsschullehrer i.R.) // Köppen, Peter (Historiker) // Kriegel, Ingeburg (Ortsbeirat Rostock-Toitenwinkel) // Leuchter, Wolfgang (Regionalwissenschaftler, Kreisvors. Linkspartei.PDS) // Leypold, Markus E. (Physiker) // Lück, Regine (MdL, Fraktion Die Linke) // Mannewitz, Cornelia (Slawistin) // Methling, Wolfgang (Vors. Fraktion Die Linke im Landtag MV) // Piontek, Steffen (Regisseur und Intendant) // Rabe, Hannelore (Dipl.-Päd.) // Rabe, Ulrich (Ingenieur) // Reinders, Jutta (DGB, Vors. Region Rostock/Mittleres Mecklenburg) // Schädel, Monty (stellv. Landesvors. VVN-BdA MV) // Speckin, Verina (Rechtsanwältin)

Organisationen:
Antifaschistische Gruppe A3 Rostock // Rostocker Friedensbündnis // Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, BO Rostock (VVN-BdA) //

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Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

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