Archiv für Oktober 2007

Neonazi-Propaganda gegen Ilja Ehrenburg

„Endlich weg damit! Ilja Ehrenburg Straße abschaffen. Zionistischen Hetzern keine Plattform geben,“ hieß es auf hunderten kleinen Flugzetteln, die Unbekannte gestern mehrfach vor den Eingang des Max-Samuel-Hauses warfen. Ziel der rechten Propaganda war das Auditorium einer Lesung aus Ehrenburgs Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz“, die – ohne weitere Zwischenfälle – eine Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Ehrenburgs eröffnete. Weder die Diskussion um den Erhalt des Straßennamens im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel, noch das brutale Bild, welches Neonazis und Feinde Ehrenburgs von ihm zeichnen, ist neu. Schon zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges wurde der sowjetische Schriftsteller und Publizist, als Jude und Kommunist, zur Hassfigur der Nationalsozialisten erklärt.

Etwas größeren Aufwand derartige NS-Propaganda aufzuwärmen und weit verbreitete antisemitische Ressentiments zu bedienen, betrieb unter anderem die geschichtsrevisionistische „Vereinigung Gesamtdeutsche Politik e.V.“ [VGP] Anfang 2001, welche den Anwohner_innen der Ilja-Ehrenburg-Straße persönlich Broschüren zustellte, in denen der 8. Mai 1945 u.a. zum „Tag tiefster Trauer“ umgedeudet und Ehrenburg als „Initiator des Holocaust an den Vertriebenen“ bezeichnet wird.
Zum 22. September 2001 mobilisierten schließlich sogenannte „Freie Kameradschaften“, mit Unterstützung des ‚Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Norddeutschlands’, [NSAN] nach Toitenwinkel. Unter Berufung auf ein offenbar vom deutschen Propagandaministerium im November 1944 gefälschtes Flugblatt, auf dem die Losung „Tötet! Tötet!“ prangt und mit dem Ehrenburg zum „Mordhetzer“ und „geistigen Brandstifter für Massenvergewaltigung und Kriegsverbrechen“ an der deutschen Zivilbevölkerung degradiert werden sollte, hofften die Neonazis auf breiten Zuspruch der Anwohner_innen. Diesen Solidarisierungseffekt sollte offensichtlich auch der fiktiv mit „Bürgeraktion – Unsere Zukunft – der Rostocker Bürger für Volksaufklärung, Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit“ unterzeichnete Demonstrationsaufruf erzielen, für den der Rostocker Neonazi-Kader Lutz Dessau verantwortlich zeichnete. Darin wird Ehrenburg als einer der „größten Kriegsverbrecher aller Zeiten“ verleumdet. Dem „Protestmarsch gegen den Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg“ schlossen sich schließlich etwa 300 Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Berlin, unter ihnen auch zahlreiche NPD-Mitglieder, an. Um ihrem Demonstrations-Motto „Gegen die Verhöhnung der Opfer – für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße!“ Nachdruck zu verleihen, verhängten Neonazis kurzerhand das Straßenschild mit einem Müllsack und unterbreiteten den Vorschlag, Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß zum neuen Namenspatron zu ernennen. Am Rande des Neonazi-Aufmarsches wurden mehrere Jugendliche tätlich von Neonazis angegriffen und verletzt.
Vermutlich ist es der bald darauf folgenden Einsicht der Rostocker Bürgerschaft geschuldet, einen zuvor gestellten Antrag der ‚Unabhängigen Christlichen Demokraten’ [UCD] zur Umbenennung der Ehrenburg-Straße abzulehnen: Ende März des Jahres 2002 demonstrieren erneut etwa 120 Neonazis aus dem Spektrum der „Freien Kameradschaften“ und der ultra-rechten NPD „Für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße.“
Bezug nehmend auf einen Neonazi-„Trauermarsch für die deutschen Opfer des alliierten Luftterrors“, zu dem Mitglieder der ‚Aktionsgruppe Festungsstadt Rostock’ [AGR] zum 26. April 2003 aufgerufen hatten, verteilten Neonazis nach eigenen Angaben über 25.000 Flugblätter an Rostocker Haushalte. Der Stadt Rostock warfen Sie in diesem Zusammenhang vor, „die Frechheit“ zu besitzen, „eine Straße im Stadtteil Toitenwinkel nach dem sowjetisch-jüdischen Mordhetzer und Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg zu benennen.“ In einem anderen Flugblatt unterstellte die AGR anhand gefälschter Zitate, Ehrenburg hätte „sich das Töten von Deutschen zum Lebensziel gemacht“. Auch NPD-Kader Lutz Dessau, wollte die Auseinandersetzung um die Ehrenburg-Straße nicht verloren geben und formulierte unbeeindruckt von historischen Fakten im NPD-Parteiorgan „Deutsche Stimme“ [DS]: “In Rostock-Toitenwinkel trägt eine Straße noch immer den Namen des geistigen Brandstifters Ilja Ehrenburg, der während des Zweiten Weltkrieges Rotarmisten dazu aufrief, deutsche Frauen und Kinder zu schänden bzw. umzubringen. Die Folgen – man frage einst in Ostpreußen oder Pommern ansässige Deutsche – waren verheerend.“ Noch im selben Jahr überklebten Neonazis das von ihnen angeprangerte Straßenschild mit „Rudolf-Heß-Straße“.
Organisatorische, personelle und weltanschauliche Überschneidungen zwischen Neonazis und konservativen Strömungen werden an der öffentlichen Darstellung Ilja Ehrenburgs deutlich. So relativierte kürzlich der Bundesvorsitzende der ‚Landsmannschaft Schlesien’, Rudi Pawelka [CDU], beim so genannten „Deutschlandtreffen“ die Verantwortung Nazi-Deutschlands für die Vertreibungen aus früheren deutschen Ostgebieten. Er behauptete, es sei eine „Tatsache, dass es die Hetzschriften des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg waren, […] die zu den großen Verbrechen aufstachelten […] und nicht etwa das vorangegangene Tun der Deutschen Wehrmacht im Osten.“ Auch die „Junge Union“ [JU] setzte sich mehrfach für die Umbennenung der Straße ein. Im Jahr 2002 verteilte der CDU-Nachwuchs Flugblätter in denen behauptet wurde Ehrenburg hätte zu „Mord, Totschlag, Vergewaltigungen und anderen Scheußlichkeiten“ aufgerufen, im Jahr darauf sah die JU einen „Verstoß gegen die Vorstellungen von Recht und Unrecht [, wenn] ein Kriegshetzer wie Ilja Ehrenburg als Namenspate für eine Rostocker Straße dient.“ Derlei geschichtsrevisionistische Propaganda wird bis heute in Briefen an die Stadt, in Postwurfsendungen an Rostocker Haushalte oder Leserbriefen in Tageszeitungen immer wieder aufgewärmt. Wahr wird sie dadurch nicht!

***

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

Chaostage in Pasewalk

Die Verharmlosung von neonazistischen Aktivitäten nimmt hierzulande gemeinhin „Volkssport“-Charakter an. Um die vorderen Plätze dieser Disziplin, bemüht sich offenbar auch die politische Elite der Stadt Pasewalk. Kaum kündigen NPD und neonazistische Kameradschaften öffentlichkeitswirksame Aktionen an und stören die traute Ruhe, sind Lokalpolitiker darum bemüht Imageschäden von der Stadt abzuwenden. Nicht Auseinandersetzung fordern sie, sondern Verbote sollen her. Zu guter letzt geht in der Kleinstadt Pasewalk turnusmäßig die Angst vor dem „Schwarzen Block“ um, den die rechten Aufmärsche offenbar anziehen. Es werden Gewaltszenarien herbeigeredet und Ängste geschürt, denn irgendwie sind sie unheimlich – diese „Autonomen“.

Verständlich also, wenn CDU-Fraktionschef Michael Busch, hinsichtlich der NPD-Demonstration gegen ein alternatives Kulturprojekt am vergangenen Samstag, Wert darauf legt, dass sich seine Partei, sowohl von den Neonazis, als auch von ihren linken Gegnern ganz klar distanziere. „Unser Dank gilt den Polizeikräften, die eine Eskalation beim Aufeinandertreffen der linken und rechten Chaoten verhindert haben,“ so Michael Busch, in dem Glauben, dass „beide Lager“ von außerhalb in die Stadt einfallen. Davon, dass die NPD zur Landtagswahl 2006 in Pasewalk 10,1 Prozent der Zweitstimmen für sich verbuchen konnte, lässt sich Busch nicht beirren. Auch der Strasburger Mogens Brattig von der FDP wollte ein Zeichen setzen und deutlich machen „[…] ,dass wir uns friedlich gegen rechte, aber auch linke Extremisten stellen“. „Pasewalk wird zunehmend zum Spielplatz von linken Chaoten,“ beklagt auch die NPD vollmundig. Nach eigenem Bekunden, hieß es im Auflagenbescheid für ihre Demonstration, dass Veranstaltungen von „Bunt statt Braun“ gewaltbereiten linken Gruppierungen der Stadt in der Vergangenheit als Anlaufpunkte dienten. Weiter heißt es dort: „Bei Aufzügen der NPD [war] in Pasewalk […] bisher stets eine hohe Gewaltbereitschaft durch linke Gegendemonstranten zu verzeichnen.“ Unter Berufung auf einen Artikel in der Pasewalker Zeitung, sieht die NPD die Oststadt der größten Stadt der Uecker-Randow-Region gar schon in der Hand der Autonomen. Die Landesregierung kann diese Einschätzungen offenbar nicht teilen, im Gegensatz zu lokalen Behörden und Medien der Stadt Pasewalk, liegen ihr bis dato „keine Hinweise vor, dass in Pasewalk linksautonome Gruppierungen bestehen oder sich entwickeln.“
Schon 2005 hatten Stadtvertreter ihren Unmut gegenüber Gegendemonstrationen Luft gemacht. „Wir haben ein Problem mit gewaltbereiten Gegendemonstranten,“ verkündete Hauptausschussmitglied Rüdiger Behrendt (CDU) im Vorfeld einer geplanten Demonstration des „Heimatbund Pommern“ (HbP), der zuvor über Monate unbemerkt seine Aktivitäten in der Region steigern konnte. Pasewalks Bürgermeister Rainer Dambach (parteilos) wollte dahingehend weder den Neonazis, noch „bunten, gewaltbereiten Chaoten“ die Straße überlassen. Volker Böhning, Landrat des Uecker-Randow-Kreises (CDU), gestand unverhohlen: „Ich bin […] kein Freund von Gegendemonstrationen. Das ist bisher meist eskaliert“. Das zivilgesellschaftliche Engagement war demzufolge eher verhalten, Jugendliche polizeilicher Willkür und neonazistischer Gewalt ausgeliefert. Zur Erinnerung: Bei Vorkontrollen der 260 Rechtsextremisten, die sich der Demonstration von HbP-Kader Ricardo Kaster anschlossen, wurden Sturmmasken, Messer, ein Totschläger, sowie ein Baseballschläger sichergestellt. Noch vor Beginn des Aufmarsches wurden zwei Jugendliche auf dem Pasewalker Marktplatz angegriffen: die Täter schlugen zunächst mit einer Glasflasche auf einen 21jährigen ein, der einen Schlüsselbeinbruch davon trug. Als sein Freund ihm zur Hilfe eilte, wurde dieser mit einem Schraubenzieher attackiert und erlitt mehrere Stichwunden. Lutz Gießen, Redner auf der Demonstration, belästigte und schubste seine politischen Gegner schon während der Anreise in der Bahn und hatte auf der Demonstration sinngemäß angekündigt, auch die Faust gegen Andersdenkende einzusetzen.
„Leugnen, Kleinreden, Ignorieren – dieses Verhalten vieler kommunaler Vertreter und Vertreterinnen hat der NPD den Weg geebnet“, kritisierte Maria Hinrich, Sprecherin der Kampagne „Keine Stimme den Nazis“, noch bevor die NPD mit sechs Abgeordneten in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern ziehen konnte und damit für Entsetzen unter den demokratischen Parteien sorgte. Nahezu inflationär gebrauchte Kampfansagen verschiedenster Parteien gegen Rechtsextremismus und Rassismus vorzugehen, sind offenbar auch ein Jahr darauf in weiten Landstrichen Mecklenburg-Vorpommerns nur Schall und Rauch. Nicht die Übernahme rechter Rhetorik und die Kriminalisierung von antifaschistischen Protesten durch die örtliche Politik, sondern die kontinuierliche, aktive Unterstützung der wenigen Gegenbewegungen, von zivilgesellschaftlichen Initiativen und alternativer Jugendkultur ist im ländlichen Raum gefordert.

***

ja wo laufense denn?
Ein kurzer Demobericht mit Bildern aus Pasewalk von der Antifaschistischen Offensive Neubrandenburg

„Jüdischer Schwejk – russischer Schelm?“

Eine Veranstaltungsankündigung der Initiative „Ilja Ehrenburg“*

Zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe über das Leben und Werk Ilja Ehrenburgs liest Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein (Berlin) am Freitag, dem 12. Oktober 2007, aus Ehrenburgs satirischem Roman: “Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz”. Die Lesung beginnt um 19.00 Uhr im Max-Samuel-Haus (Schillerplatz 10).

Wer war Ilja Ehrenburg?
Der 1891 in Kiew geborene russischsprachige jüdische Schriftsteller war Autor der größten – dreibändigen – Epopöe über den Zweiten Weltkrieg in Europa: “Der Fall von Paris” (1942), “Sturm” (1947), “Die neunte Woge” (1952). Er verfasste wichtige Romane über die revolutionären Umbrüche im Sowjetrussland der 20-er und 30-er Jahre: “Die Abflussgasse” (1926), “Ohne Atempause” (1935). 1955 arbeitete er in “Tauwetter” Folgen der Stalinzeit auf. Des Weiteren schrieb er zahlreiche kapitalismuskritische Bücher: “Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito und seiner Jünger” (1921) oder “Das Leben der Autos” (1929-1935). Ehrenburg nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil und beschrieb ihn in einer Vielzahl von Reportagen. Er war an vielen Brennpunkten internationaler Konflikte, sprach mehrere Sprachen (perfekt französisch), lebte über mehrere Zeitabschnitte in Paris. Zudem schrieb er glänzende Essays über Literatur. Sein Zeitalter besichtigte er in seinen tiefgreifenden Memoiren “Menschen Jahre Leben” (in vier Bänden, 1960 ff.). 1953 verweigerte er seine Unterschrift unter Stalins Plan zur Deportation sowjetischer Juden. Als sein poetischstes und vergnüglichstes, dabei widerständisches Werk gilt “Lasik Roitschwantz”.

Über den Lesenden:
Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein ist ein namhafter Literaturwissenschaftler, Heine-Biograph (Heinrich Heine, gelebter Widerspruch: eine Biographie. Berlin 2001) und Verfasser wichtiger Werke zum Theater. 27 Mitglieder seiner Familie wurden im Holocaust getötet. Er ist Mitbegründer des Jüdischen Kulturvereins Berlin und noch heute in seinem Vorstand aktiv.

Vor Beginn der Lesung erfolgt eine Einführung in die Veranstaltungsreihe, im Anschluss laden wir zur Diskussion ein.

*Die Initiative Ilja Ehrenburg arbeitet für die Erhaltung des Namens der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel. Sie informiert über Leben und Werk des sowjetischen Schriftstellers und Publizisten und fördert das Gedenken an seine Person.
Mitglieder der Initiative Ilja Ehrenburg: Antifaschistische Gruppe A3, LI*MO, DIE LINKE. Kreisverband Rostock, VVN-BdA Basisorganisation Rostock, Rostocker Friedensbündnis und Einzelpersonen.

***

„Jüdischer Schwejk – russischer Schelm?“
Veranstaltungsflyer der Initiative „Ilja Ehrenburg“.

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

Lichtenhagen ’92: „Es war für viele ein Fest“

Podium beklagt unzureichende Aufarbeitung des Pogroms
Eine Pressemitteilung der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ vom 05. Oktober 2007

Mit einer lebhaften Podiumsdiskussion endete am Donnerstag, dem 4. Oktober 2007, die sechswöchige Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken – Erinnerung schaffen“, mit der die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ durch Vorträge und Diskussionen an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen erinnerte. Der Frage „15 Jahre Lichtenhagen – aufgearbeitet, vergessen oder verdrängt?“ stellten sich, neben Prof. Dr. Hajo Funke von der FU Berlin, Phuong Kollath von „Diên Hông“ und Adelheid Pevestorf vom Ortsbeirat Lichtenhagen, sowie Lena Fassnacht von „Bunt statt Braun“ und ein Vertreter des Opferberatungsvereins „Lobbi“. Durch die Abendveranstaltung in der Aula der Universität Rostock führte Torsten Raedel.

„Die Brandkatastrophe von Rostock Lichtenhagen vor 15 Jahren ist im Bewußtsein der Gefahren von Vertretern der Landes- und Teilen der Bundesregierung zugelassen worden,“ so Hajo Funke zu Beginn der Diskussion. Rechtsextremisten, die applaudierende Menge und zahlreiche Jugendliche, die später mit ihren „Heldentaten“ prahlten, konnten ungestört agieren, weil die politisch Verantwortlichen nicht gehandelt hätten. „Es war für viele ein Fest,“ umschreibt Funke die zynische Pogromstimmung jener Tage im August 1992.
Jeden Morgen führte der Weg von Adelheid Pevestorf seinerzeit über die Grünfläche vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST): „Es war ein Jammer zu sehen wie Sinti und Roma dort hausen mussten.“ Diese unhaltbaren Zustände hätten alte Vorurteile aufgewärmt und die rassistische Stimmung innerhalb der Bevölkerung anwachsen lassen. „Wichtig ist das hier nichts verharmlost wird und nichts unter den Tisch fällt,“ so Pevestorf, die sich von der Veranstaltungsreihe angetan zeigte. Von tendenziöser Berichterstattung distanziere sich der Ortsbeirat jedoch, zumal dies nichts zur notwendigen Aufarbeitung beitrage.
„Der Krieg den ich bis zum 10. Lebensjahr in Vietnam erlebt habe, verfolgt mich jetzt hier wieder,“ schilderte Phuong Kollath ihre persönlichen Erinnerung an die Pogromnächte. Sie hatte selbst zehn Jahre im „Sonnenblumenhaus“ gelebt und engagiert sich seit 1994 bei „Diên Hông“. Der Verein gründete sich unmittelbar nach den rassistischen Ausschreitungen, um den Vietnamesen Schutz zu bieten und rassistische Vorurteile abzubauen.
In der Kritik stand vorallem die unzureichende Auseinandersetzung der Stadt und der Umstand, dass auch 15 Jahre später noch kein Mahnmal an die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Funke würde es begrüßen, wenn von der Stadt ein klares Zeichen ausgeht und „so ein Mahnmal in der Mitte der Stadt exisitiert.“

Die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ kündigte an, auch gegenwärtig Debatten um die Erinnerung an das Pogrom von Lichtenhagen anzustoßen, um die Ereignisse zurück ins Gedächtnis zu holen. Eine bereits geplante Veranstaltung mit der deutsch-französischen Journalistin Beate Klarsfeld soll noch in diesem Jahr nachgeholt werden. Klarsfeld kämpft seit Jahrzehnten für die Aufklärung und Verfolgung von Naziverbrechen und versuchte im Oktober 1992 mit einer Delegation französischer Juden, gegen den massiven Widerstand der Stadt Rostock, ein Gedenken an die Ausschreitungen in Lichtenhagen durchzusetzen.

„Aufgearbeitet, vergessen oder verdrängt?“

Eine Veranstaltungsankündigung der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ vom 01. Oktober 2007

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken – Erinnerung schaffen“, mit der die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ durch Vorträge und Diskussionen an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 erinnern möchte, findet am 04.10.2007 um 19.00 Uhr in der Aula der Universität Rostock (Universitätsplatz 1) eine Podiumsdiskussion statt. Die Frage „15 Jahre Lichtenhagen – aufgearbeitet, vergessen oder verdrängt?“ wird an diesem Abend aus Sicht engagierter Menschen der Rostocker Zivilgesellschaft, der Anwohner des Stadtteils Lichtenhagen, der heute in der Hansestadt lebenden Migranten, aber auch aus wissenschaftlicher Perspektive diskutiert. Unter anderem wird darüber debattiert, welche Konsequenzen die öffentliche Auseinandersetzung hatte und welche Rolle die Erinnerung an die Ereignisse im August 1992 heute im öffentlichen Bewusstsein spielt. Im Podium werden u.a. der Berliner Politologie Prof. Hajo Funke, Adelheid Pevenstorf vom Ortsbeirat Lichtenhagen, Phuong Kollath vom Verein Dien Hong, sowie Lena Fassnacht von Bunt statt Braun e.V. und AktivistInnen, die sich wahrend und nach den Ausschreitungen dagegen positioniert haben.