Neonazi-Propaganda gegen Ilja Ehrenburg

„Endlich weg damit! Ilja Ehrenburg Straße abschaffen. Zionistischen Hetzern keine Plattform geben,“ hieß es auf hunderten kleinen Flugzetteln, die Unbekannte gestern mehrfach vor den Eingang des Max-Samuel-Hauses warfen. Ziel der rechten Propaganda war das Auditorium einer Lesung aus Ehrenburgs Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz“, die – ohne weitere Zwischenfälle – eine Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Ehrenburgs eröffnete. Weder die Diskussion um den Erhalt des Straßennamens im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel, noch das brutale Bild, welches Neonazis und Feinde Ehrenburgs von ihm zeichnen, ist neu. Schon zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges wurde der sowjetische Schriftsteller und Publizist, als Jude und Kommunist, zur Hassfigur der Nationalsozialisten erklärt.

Etwas größeren Aufwand derartige NS-Propaganda aufzuwärmen und weit verbreitete antisemitische Ressentiments zu bedienen, betrieb unter anderem die geschichtsrevisionistische „Vereinigung Gesamtdeutsche Politik e.V.“ [VGP] Anfang 2001, welche den Anwohner_innen der Ilja-Ehrenburg-Straße persönlich Broschüren zustellte, in denen der 8. Mai 1945 u.a. zum „Tag tiefster Trauer“ umgedeudet und Ehrenburg als „Initiator des Holocaust an den Vertriebenen“ bezeichnet wird.
Zum 22. September 2001 mobilisierten schließlich sogenannte „Freie Kameradschaften“, mit Unterstützung des ‚Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Norddeutschlands’, [NSAN] nach Toitenwinkel. Unter Berufung auf ein offenbar vom deutschen Propagandaministerium im November 1944 gefälschtes Flugblatt, auf dem die Losung „Tötet! Tötet!“ prangt und mit dem Ehrenburg zum „Mordhetzer“ und „geistigen Brandstifter für Massenvergewaltigung und Kriegsverbrechen“ an der deutschen Zivilbevölkerung degradiert werden sollte, hofften die Neonazis auf breiten Zuspruch der Anwohner_innen. Diesen Solidarisierungseffekt sollte offensichtlich auch der fiktiv mit „Bürgeraktion – Unsere Zukunft – der Rostocker Bürger für Volksaufklärung, Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit“ unterzeichnete Demonstrationsaufruf erzielen, für den der Rostocker Neonazi-Kader Lutz Dessau verantwortlich zeichnete. Darin wird Ehrenburg als einer der „größten Kriegsverbrecher aller Zeiten“ verleumdet. Dem „Protestmarsch gegen den Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg“ schlossen sich schließlich etwa 300 Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Berlin, unter ihnen auch zahlreiche NPD-Mitglieder, an. Um ihrem Demonstrations-Motto „Gegen die Verhöhnung der Opfer – für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße!“ Nachdruck zu verleihen, verhängten Neonazis kurzerhand das Straßenschild mit einem Müllsack und unterbreiteten den Vorschlag, Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß zum neuen Namenspatron zu ernennen. Am Rande des Neonazi-Aufmarsches wurden mehrere Jugendliche tätlich von Neonazis angegriffen und verletzt.
Vermutlich ist es der bald darauf folgenden Einsicht der Rostocker Bürgerschaft geschuldet, einen zuvor gestellten Antrag der ‚Unabhängigen Christlichen Demokraten’ [UCD] zur Umbenennung der Ehrenburg-Straße abzulehnen: Ende März des Jahres 2002 demonstrieren erneut etwa 120 Neonazis aus dem Spektrum der „Freien Kameradschaften“ und der ultra-rechten NPD „Für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße.“
Bezug nehmend auf einen Neonazi-„Trauermarsch für die deutschen Opfer des alliierten Luftterrors“, zu dem Mitglieder der ‚Aktionsgruppe Festungsstadt Rostock’ [AGR] zum 26. April 2003 aufgerufen hatten, verteilten Neonazis nach eigenen Angaben über 25.000 Flugblätter an Rostocker Haushalte. Der Stadt Rostock warfen Sie in diesem Zusammenhang vor, „die Frechheit“ zu besitzen, „eine Straße im Stadtteil Toitenwinkel nach dem sowjetisch-jüdischen Mordhetzer und Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg zu benennen.“ In einem anderen Flugblatt unterstellte die AGR anhand gefälschter Zitate, Ehrenburg hätte „sich das Töten von Deutschen zum Lebensziel gemacht“. Auch NPD-Kader Lutz Dessau, wollte die Auseinandersetzung um die Ehrenburg-Straße nicht verloren geben und formulierte unbeeindruckt von historischen Fakten im NPD-Parteiorgan „Deutsche Stimme“ [DS]: “In Rostock-Toitenwinkel trägt eine Straße noch immer den Namen des geistigen Brandstifters Ilja Ehrenburg, der während des Zweiten Weltkrieges Rotarmisten dazu aufrief, deutsche Frauen und Kinder zu schänden bzw. umzubringen. Die Folgen – man frage einst in Ostpreußen oder Pommern ansässige Deutsche – waren verheerend.“ Noch im selben Jahr überklebten Neonazis das von ihnen angeprangerte Straßenschild mit „Rudolf-Heß-Straße“.
Organisatorische, personelle und weltanschauliche Überschneidungen zwischen Neonazis und konservativen Strömungen werden an der öffentlichen Darstellung Ilja Ehrenburgs deutlich. So relativierte kürzlich der Bundesvorsitzende der ‚Landsmannschaft Schlesien’, Rudi Pawelka [CDU], beim so genannten „Deutschlandtreffen“ die Verantwortung Nazi-Deutschlands für die Vertreibungen aus früheren deutschen Ostgebieten. Er behauptete, es sei eine „Tatsache, dass es die Hetzschriften des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg waren, […] die zu den großen Verbrechen aufstachelten […] und nicht etwa das vorangegangene Tun der Deutschen Wehrmacht im Osten.“ Auch die „Junge Union“ [JU] setzte sich mehrfach für die Umbennenung der Straße ein. Im Jahr 2002 verteilte der CDU-Nachwuchs Flugblätter in denen behauptet wurde Ehrenburg hätte zu „Mord, Totschlag, Vergewaltigungen und anderen Scheußlichkeiten“ aufgerufen, im Jahr darauf sah die JU einen „Verstoß gegen die Vorstellungen von Recht und Unrecht [, wenn] ein Kriegshetzer wie Ilja Ehrenburg als Namenspate für eine Rostocker Straße dient.“ Derlei geschichtsrevisionistische Propaganda wird bis heute in Briefen an die Stadt, in Postwurfsendungen an Rostocker Haushalte oder Leserbriefen in Tageszeitungen immer wieder aufgewärmt. Wahr wird sie dadurch nicht!

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Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

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1 Antwort auf “Neonazi-Propaganda gegen Ilja Ehrenburg”


  1. 1 mailing 17. Oktober 2007 um 12:38 Uhr

    unerwähnt bleibt leider, wer sich damals an den angriffen auf linke beteiligt hat, ein jetziger landtagsabgeordneter…
    und auch eine bibliografie wäre nett…textbeispiele noch besser…
    und wenn ihr sagt das das flugblatt gefälscht worden ist, so gebt doch bitte eine quelle dafür an…
    den teil der sich über rostock hinaus erstreckt (landsmannschaft) find ich inhaltlich nicht nötig…
    insgesammt hab ich bei dem text den eindruck, das ihr naziargumente aufzählt die aber nicht konsequent auflöst, als würdet ihr davon ausgehen das alle eure rezipientInnen das könnten, das ist falsch denke ich.
    auch absätze würden das lesen des textes erleichtern,
    ihn fast schon druckfähig werden lassen;),
    ansonsten: schön das ihr dabei seid,
    ich erzähl euch von der freiheit,
    hier aus dem schönen süden.

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