Archiv für Januar 2008

„Mir lebn ejbig, ess brent a Welt“

Zum 63. Mal jährt sich heute die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Auschwitz steht weltweit als Synonym für den industriellen Massenmord der Nazis an den europäischen Jüdinnen und Juden, sowie weiteren rassisch, religiös, politisch oder sexuell verfolgten NS-Opfern.

In mehreren Städten und Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns – darunter Rostock, Schwerin, Neubrandenburg, Greifswald, Stralsund, Ludwigslust, Alt Rehse, Röbel und Anklam – wurde heute mit verschiedensten Veranstaltungen der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.
An der Rostocker Hochschule für Musik und Theater wurde der „Internationale Holocaustgedenktag“ zum Anlass genommen, das Zentrum für verfemte Musik zu eröffnen. Das Zentrum widmet sich der Sammlung, Bewahrung und Wiederaufführung von im Nationalsozialismus verbotenen Kompositionen verfolgter Musiker, zumal zahlreiche als „entartet“ konfiszierte Werke jüdischer Künstler_innen nur handschriftlich vorliegen oder in der Öffentlichkeit kaum Beachtung finden. Neben der musikwissenschaftlichen Aufarbeitung bemüht sich die Einrichtung auch um den Kontakt zu Hinterbliebenen der Verfolgten. Einer von ihnen, der 75jährige tschechische Komponist Petr Pokorný wurde zur offiziellen Gründung des Zentrums für verfemte Musik in Rostock erwartet.

Halten wir die Erinnerung an die Opfer der deutschen Barbarei wach und richten unseren Dank an Alljene, die den Widerstand gegen Faschismus und Krieg organisiert haben. Rufen wir die Lebenden zur Mahnung, im Kampf um eine Gesellschaft in der alle Menschen – unabhängig von Nationalität, Geschlecht oder Religion – frei leben können.

Unter menschenunwürdigen Bedingungen im Wilnaer Ghetto schrieb Leyb Rosenthal 1943 den Text zu „Mir lebn ejbig“:

„Mir lebn ejbig, Ess brent a Welt / Mir lebn eibig, on a Groschn Geld,
Un ojf zu pikeness di ale Ssonim,
Woss wein uns farschwarzn unser Ponim
Mir lebn ejbig, mir sajnen do / Mir lebri ejbig in jeder Scho
Mir weln lebn un derlebn, schlechte Zejtn ariber lebn
Mir lebn eibig, Mir sajnen do!“

Im Jahr darauf wurde Leyb Rostenthal im estländischen Konzentrationslager Klooga ermordet. Seine Texte sind Zeugen der nationalsozialistischen Verbrechen und auch heute eine Anklage gegen Faschismus und Antisemitismus.