Archiv für Februar 2008

Solidarität mit der antifaschistischen Bewegung in Russland

Statistisch fällt in Russland nach Angaben des Antirassismus-Netzwerk „SOVA“ alle zwei Tage ein Mensch einem rassistisch-motiviertem Mord zum Opfer. Insgesamt verzeichnet „SOVA“ für Januar und Februar 2008 bereits 26 Morde und mehr als 100 Angriffe mit rassistischen Hintergrund. Die Expert_innen von „SOVA“ gehen jedoch von einer weit höheren Dunkelziffer aus. Hauptsächlich sind es Menschen aus dem Kaukasus und dem asiatischen Teil von Russland, aber auch Antifaschist_innen, welche von Nazibanden angriffen und ermordet werden.
Doch regt sich schon seit einigen Jahren Widerstand von jungen Antifaschist_innen, die für ein fortschritttlich-emanzipatorisches Gesellschaftsklima kämpfen. Diese neue Generation hat es in ihrem Kampf für ein humanes Leben bei weitem nicht so einfach, wie die antifaschistische Bewegung in der westeuropäischen Gesellschaft, sind sie doch tagtäglich gezwungen mit nahezu allen Mitteln nicht nur für ihre Ziele, sondern auch um ihr eigenes Leben zu kämpfen. Nichtzuletzt das Fehlen von grossen Gewerkschaften, Arbeiterbewegungen, linken Parteien und langjährigen antifaschistischen und antirassistischen Strukturen macht deutlich, dass auf allen Ebenen Solidarität mit der antifaschistischen Bewegung in Russland notwendig ist.

Die russische Hardcore-Combo „What we feel“ ist aus diesem Grund dieses Jahr erneut auf Tournee um Spenden für russische Antifaschist_innen zu sammeln und tritt am Mittwoch, dem 05.03.2008 zusammen mit „F-Three“ auf der „MS Stubnitz“ auf. Zudem findet am Montag, dem 03.03.2008 ein Soli-Abend im „Cafe Median“ (Niklotstrasse 5/6) statt, alle Einnahmen der Vokü und Bar gehen an diesem Abend ebenfalls an die russischen Genoss_innen.

Flyer

Kommt alle, kommt zahlreich und supportet die russischen Genoss_innen !!!

Weitere Hintergrundinformationen zur Situation in Russland gibt u.a. hier , hier und hier.

Der Kampf um die Ilja-Ehrenburg-Straße [update]

Im Rostocker Wohngebiet Toitenwinkel wurden dieser Tage tausende Faltblätter mit Informationen über den russischen Schriftsteller und Antifaschisten Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg verteilt, um den geschichtsrevisionistischen Verleumdungen gegenüber seiner Person entgegenzutreten und die Pläne zur Umbennenung der Ilja-Ehrenburg-Straße im Stadtteil Toitenwinkel zu durchkreuzen. Die ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘ kündigt unterdessen – anküpfend an eine Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Ehrenburgs – weitere Veranstaltungen in Rostock an.

Als Reaktion auf die Ankündigung von Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling [parteilos], die Diskussion über die Umbennung der Straße wieder aufzurollen und in die Bürgerschaft zu tragen, gründete sich im April 2007 die ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘. Die Initiative, an der sich das ‚Rostocker Friedensbündnis‘, die ‚Antifa A3 Rostock‘, die ‚VVN-BdA-Basisgruppe Rostock‘, die offene linke Jugendgruppe ‚LI*MO‘, der Kreisverband der ‚Linkspartei Rostock‘ und Einzelpersonen beteiligen, trat am 8. Mai – dem Tag der Befreiung – mit einem offenen Brief an den Oberbürgermeister und die Stadt Rostock an die Öffentlichkeit. Die darin enthaltenen Forderungen, „- den Namen der Ilja-Ehrenburg-Straße zu erhalten!, – die historische Berechtigung der Benennung Ilja-Ehrenburg-Straße öffentlich darzustellen und der Person Ilja Ehrenburg zu gedenken!, – geschichtsrevisionistischen Verleumdungen der Person Ilja Ehrenburg öffentlich entgegenzutreten!“, haben mittlerweile prominente Unterstützung gefunden. Unterzeichnet wurde er unter anderem von Prof. Lilly Marcou [Ehrenburgs französischer Biographin], Prof. Jochanan Trilse-Finkelstein [Literatur- und Theaterwissenschaftler], Gerhard Zwerenz [Schriftsteller], Prof. Heinz Deutschland [Historiker], Kai Degenhardt [Musiker] und Rolf Becker [Schauspieler].

„Deutschenhasser“, „Mordhetzer“ und „Kriegsverbrecher“?

Propaganda, Parolen und Provokationen rechter und konservativer Gruppierungen

Rechte Propaganda gegen die Ilja-Ehrenburg-Straße

„Antideutschen Hetzern keine Plattform geben!“, heißt es auf Aufklebern der ‚Mecklenburgischen Aktionsfront‘ [MAF], verbunden mit der Forderung die „Ilja-Ehrenburg-Straße ab[zu]schaffen!“. Hin und wieder zieren diese Nazi-Sticker – für die Neonazi und NPD-Landtagsmitarbeiter David Petereit verantwortlich zeichnet – Rostocker Laternenpfähle, bis couragierte Anwohner_innen sie auf direktem Weg dem Altpapier zuführen. Das augenscheinlich nicht allzuleichte Unterfangen, die Ilja-Ehrenburg-Straße im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel „abzuschaffen“, ist – wie die nachfolgende Chronik zeigt – schon seit Jahren hehres Ziel von regionalen Neonazi-Strukturen und konservativen Kreisen:

März 1998
Unbekannte besprühen das Straßenschild der Ilja-Ehrenburg-Straße mit roter Farbe. Zeitnah bekundet Reinhard Busch, Autor des NPD-Organs ‚Deutsche Stimme‘ [DS], in einer „Information für die Bewohner der Ilja-Ehrenburg-Straße“ sein Unverständnis darüber, wie eine Straße nach einem „jüdisch-sowjetischen Propagandisten und Mordhetzer“ benannt sein kann.
Eine Straßenumbenennung wird – wie bereits 1993 – durch den ‚Ortsbeirat Toitenwinkel‘ und den ‚Ausschuss für Stadtentwicklung‘ abgelehnt.

Juli 2000
In der Regionalpresse beklagen sich Leser_innen mehrfach über den „Schandfleck [Ilja-Ehrenburg-Straße] in der Rostocker Stadtgeschichte“ und fordern die Bürgerschaft auf, die Straße unverzüglich umzubenennen. Zwischen 1993 und 2000 erreichten bereits 14 Protestschreiben die Hansestadt, in denen sich die Verfasser_innen über die Beibehaltung des zu DDR-Zeiten vergebenen Straßennamen echauffieren und sich dabei insbesondere auf Publikationen wie die ‚Junge Freiheit‘ oder ‚Der Schlesier‘ berufen.

Oktober 2000
In Rostock-Toitenwinkel tauchen Flugblätter der ‚Bürgeraktion – Unsere Zukunft – der Rostocker Bürger für Volksaufklärung, Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit‘ auf, die Ilja Ehrenburg als „Mordhetzer“ brandmarken und für die Rüdiger Kahsner, Ex-FAP- und NPD-Mitglied aus Hagen, als presserechtlich Verantwortlicher zeichnet.

Frühjahr 2001
Die geschichtsrevisionistische ‚Vereinigung Gesamtdeutsche Politik e.V.‘ [VGP] stellt den Anwohner_innen der Ilja-Ehrenburg-Straße persönlich Broschüren zu, in der Ehrenburg u.a. als „Initiator des Holocaust an den Vertriebenen“ bezeichnet wird.

Mai 2001
Die Fraktion ‚Unabhängige Christliche Demokraten‘ [UCD], möchte keine Straße in der Welt, „insbesondere nicht in einer deutschen Stadt“, nach Ilja Ehrenburg benannt sehen und bringt einen Umbenennungsantrag in die Bürgerschaftssitzung ein. Nach Belieben der UCD soll die Straße in „Andrej-Sacharow-Straße“ umgetauft werden.

September 2001
‚Freie Kameradschaften‘, mobilisieren mit Unterstützung des ‚Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Norddeutschland’ [NSAN] etwa 300 Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Berlin – unter ihnen auch zahlreiche NPD-Mitglieder – nach Rostock-Toitenwinkel. Im Zuge der Demonstration verhängen Neonazis das Straßenschild mit einem Müllsack und schlagen den Nazi-Bruchpiloten Rudolf Heß als neuen Namenspatron vor.

Oktober 2001
„Die Entscheidung ist ein Skandal“, empört sich ein Rostocker CDU-Parlamentarier darüber, dass der Versuch die Ehrenburgstraße umzubennen an den politischen Mehrheiten in der Bürgerschaft scheitert, obwohl selbst der ‚Ortsbeirat Toitenwinkel‘ derweil eine Umbenennung in „Max-Born-Straße“ in Erwägung zieht.

März 2002
Etwa 120 Neonazis aus dem Kreis der ‚Freien Kameradschaften‘ fühlen sich auf den Plan gerufen und demonstrieren im März 2002 erneut „Für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße.“ Bereits im Februar wurden die Anwohner_innen per Postwurfsendungen – die auf Lutz Dessau zurückgehen und in denen Ehrenburg zu einem der „größten Kriegsverbrecher aller Zeiten“ stilisiert wird – aufgefordert, sich der Nazi-Demonstration anzuschließen.

Mai 2002
NPD-Kader Lutz Dessau versucht die Debatte in der ‚Deutschen Stimme‘ wachzuhalten und ereifert sich darüber, dass die Stadt Rostock es sich erlaube ein Straße nach Ehrenburg zu benennen, welcher angeblich „während des Zweiten Weltkrieges Rotarmisten dazu aufrief, deutsche Frauen und Kinder zu schänden bzw. umzubringen.“

November 2002
„Soll man Unrecht auch noch loben?“, fragt die ‚Junge Union Rostock‘ in einem Brief, der die Haushalte der Ehrenburgstraße erreicht, um die Frage sogleich mit Nein zu beantworten. Um „Mord, Totschlag, Vergewaltigung“ und andere „Scheußlichkeiten“ nicht auch noch zu belohnen, bittet die JU die Leser_innen um Unterstützung.

April 2003
Die ‚Junge Union‘ fabuliert von einem „Verstoß gegen die Vorstellungen von Recht und Unrecht [, wenn] ein Kriegshetzer wie Ilja Ehrenburg als Namenspate für eine Rostocker Straße dient“, ruft zur Umbenennung auf und lädt unter dem Titel „Rostock braucht keine Kriegshetzer“ Einwohner_innen der Ilja-Ehrenburg-Straße zu einer Informationsveranstaltung ein.
Bezug nehmend auf einen Neonazi-„Trauermarsch für die deutschen Opfer des alliierten Luftterrors“, zu dem Mitglieder der ‚Aktionsgruppe Festungsstadt Rostock‘ [AGR] zum 26. April 2003 aufrufen, verteilen Neonazis nach eigenen Angaben über 25.000 Flugblätter an Rostocker Haushalte. Der Stadt Rostock werfen Sie in diesem Zusammenhang vor, „die Frechheit“ zu besitzen, „eine Straße im Stadtteil Toitenwinkel nach dem sowjetisch-jüdischen Mordhetzer und Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg zu benennen.“

Juni 2003
Die Aktionsgruppe Rostock [AGR] unterbreitet den Einwohner_innen von Toitenwinkel ein Pamphlet mit dem Titel „Ilja Ehrenburg – Der Mann ohne Ehre!“, für das Christian Worch verantwortlich zeichnet und indem – anhand nicht belegter Zitate – unterstellt wird, Ehrenburg hätte „sich das Töten von Deutschen zum Lebensziel gemacht“. Im selben Jahr überkleben Neonazis das von ihnen angeprangerte Straßenschild mit „Rudolf-Heß-Straße“.

April 2007
Die Ostsee-Zeitung berichtet, dass der Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling in einer der nächsten Bürgerschaftssitzungen einen Beschluss über die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße herbeiführen will. Entfacht wurde die neuerliche Diskussion u.a. durch Christoph Kleemann, Leiter der ‚Außenstelle Rostock der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes‘, der sich nach Erhalt eines Beschwerdebriefes aus Baden-Baden an die Präsidentin der Bürgerschaft wandte und diese aufforderte „eine schnellst mögliche Umbenennung anzuregen“.
Die NPD Mecklenburg-Vorpommern vermeldet im Internet kurz darauf euphorisch: „[…] kein Monument, das für nationale Erniedrigung steht, [ist] von Dauer – nicht einmal ein Straßenschild.“

Oktober 2007
„Endlich weg damit! Ilja Ehrenburg Straße abschaffen. Zionistischen Hetzern keine Plattform geben,“ heißt es auf hunderten von kleinen Flugzetteln, die Unbekannte vor den Eingang des ‚Max-Samuel-Haus‘ werfen. Ziel der Propaganda ist das Auditorium einer Lesung aus Ehrenburgs Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz“, mit der eine Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Ilja Ehrenburgs in Rostock eröffnet wird.

November 2007
In Rostock werden Aufkleber mit der Aufschrift: „Ilja-Ehrenburg-Straße abschaffen! / Rostock sagt NEIN / Antideutschen Hetzern keine Plattform geben!“ und einem Verweis auf die Internetseite der „Mecklenburgischen Aktionsfront“ [MAF] verklebt.

April 2008
Hunderte Flugzettel mit den bekannten MAF-Parolen gegen die Ilja-Ehrenburg-Straße werden mehrfach in den Straßen von Rostock – insbesondere vor öffentlichen und universitären Einrichtungen in den Ortsteilen Innenstadt und Steintor-Vorstadt, sowie nahe der Ehrenburg-Straße in Toitenwinkel – gestreut. Dort wird auch zum wiederholten Mal eines der Straßenschilder mit roter Farbe beschmiert.


… the show must go on


Wie die Jüdische Zeitung im Dezember 2007 berichtete, ließ OB Roland Methling inzwischen vermelden, dass der Vorgang die Ilja-Ehrenburg-Straße umzubennen vorerst ruhe, „die Diskussion um die Person und das Werk von Ilja Ehrenburg [hingegen] aufmerksam und mit großem Interesse verfolgt“ werde. Zudem sei er sich wohl durchaus darüber im Klaren, dass er Neonazis und Geschichtsrevisionisten mit einer Umbenennung aktiv in die Hände spielen würde. Eine klare Abfuhr erteilt er ihnen nicht.

Die Bestrebungen über Ilja Ehrenburg zu informieren und auf eine eindeutige Positionierung der Stadt hinzuarbeiten dauern folglich an. Am 8. Mai wird der Osteuropawissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Geier aus Leipzig die Veranstaltungsreihe der ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘ über Leben und Werk Ehrenburgs mit einem Referat über „Antisemitismus in der Sowjetunion“ vorerst abschließen. Weitere Veranstaltungen sind in Planung. Darunter auch eine etwaige Präsentation der international beachteten Ausstellung „Ilja Ehrenburg und die Deutschen“ in Rostock, die vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst Unterstützung findet. „Wir wünschen uns, dass die Ausstellung auch die Unterstützung der Hansestadt Rostock bekommt“, heißt es in einer Pressemeldung der Initiative.

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Ilja Ehrenburg: Schriftsteller, Dichter, Übersetzer, […]
Faltblatt der ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘ über Leben und Werk Ilja Ehrenburgs und die Rostocker Ilja-Ehrenburg-Straße.

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.