Archiv für April 2008

Unangekündigte Neonazi-Demonstration in der Nacht zu Sonntag in Rostock

Eine Presseinformation der Antifa A3 Rostock vom 28. April 2008

Sonnabendnacht gegen 23 Uhr demonstrierten etwa ein Dutzend vermummte Neonazis durch die Rostocker Innenstadt. Wie Augenzeugen berichteten, bewegte sich die mit Basecaps, Tüchern und Sonnenbrillen vermummte Gruppe aus Richtung des Neuen Marktes durch die Kröpeliner Straße über den Universitätsplatz in die Breite Straße, wo sie sich auflöste. Auf einem vorweg getragenen Transparent war „Gegen den Bombenterror in Rostock“ zu lesen, während aus einem Megaphon Parolen wie „Frei, sozial und national“ skandiert wurden. Beim Erreichen der Langen Straße löste sich die Demonstration auf. Polizei war nicht erkennbar präsent.

Bereits in der vergangenen Woche hatten Neonazis den Jahrestag die alliierte Bombardierung Rostocks im Jahr 1942 zum Anlass für ihre Propaganda genommen. Im Stadtgebiet waren Schmierereien und Plakate mit Sprüchen wie „Alliierter Bombenholocaust“, „Alliierter Massenmord“ oder „Nationaler Sozialismus jetzt“ aufgetaucht. Indem Rechte die Kriegsbemühungen gegen Nazi-Deutschland zu Verbrechen umdeuten, versuchen sie ihr verdrehtes Geschichtsbild zu verbreiten, nach dem der Zweite Weltkrieg eine Verschwörung gegen Deutschland gewesen und von diesem nicht begonnen worden sei.

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“Erneut Neonazi-Schmierereien in Rostock”
Eine Pressemitteilung mit Fotos von den Schmiererein vom 25. April 2008

„Rostock: Reinfall für Nazispontandemo“
Indymedia-Bericht über die Neonazi-Demo von Samstag

Räucher-Ware, geistige Heiler und esoterischer Antisemitismus

Esoterik-Messe wirbt in Rostock für Okkultismus und rechte Verschwörungstheorien
Eine Pressemitteilung der Antifa A3 Rostock vom 26. April 2008

Zum wiederholten Mal werden auf den „Esoterik und Naturheiltagen“, die vom 25. bis 27. April in den Räumen der Rostocker DKB-Arena Halt machen, Publikationen rechtsextremen Inhalts zum Kauf angeboten. Die Antifa A3 Rostock hatte bereits im Vorjahr auf die Schnittmengen zwischen Esoterik und Rechtsextremismus hingewiesen und die „Veranstaltungsagentur Häse“ zum Handeln aufgefordert.

Unter den rund 60 Ausstellern, die sich mehrheitlich die Ängste und Verzweiflungen vieler Messe-Besucher zu Eigen machen und ihnen mit absurden Heilversprechen das Geld entlocken, bietet die „Artha Versandbuchhandlung“ aus Oy-Mittelberg diverse Publikationen ausgewiesener Verschwörungstheoretiker und Geschichtsrevisionisten zum Kauf an. So werden dort unter anderem Bücher von Trutz Hardo, Stefan Erdmann und Jan Udo Holey [Jan van Helsing] vertrieben. Über den aktuellen Versand-Katalag werden u.a. auch Veröffentlichungen von Helena Blavatsky, Charles W. Leadbeater, Des Griffin und Thorwald Dethlefsen angepriesen, die sich in der Vergangenheit ebenfalls durch rassistische und antisemitische Thesen exponierten.

In Trutz Hardos „Karma – Handbuch“ heißt es sinngemäß, Opfer sexueller Vergewaltigungen hätten sich diese selbst zuzuschreiben, wären sie doch in einem früheren Leben selbst Vergewaltiger gewesen. Seine kruden Ansichten über karmische Reinigung, die er in seiner 1996 veröffentlichten Hetzschrift „Jedem das Seine“ offenbarte, brachten dem „braunen Esoteriker“ eine Verurteilung wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener ein. Das Buch, indem er den Holocaust – als Wunsch der Juden zur Befreiung von eigener Schuld – verharmlost, ist seit 1998 in Deutschland verboten.
Besonders brisant sind auch die Publikationen von Stefan Erdmann. Sein Zweiteiler „Banken, Brot und Bomben“, verlegt in Holeys „Ama Deus Verlag“, durfte wegen strafbarer Inhalte nicht in der Originalfassung veröffentlicht werden. Angebliche Pläne über die Errichtung einer „Neuen Weltordung“ versucht er darin, mit Verweis auf die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ nachzuweisen. So heißt es zum Beispiel im zweiten Band: „Die Protokolle, die Hauptthesen, wenn man so will, wurden bereits zu großen Teilen umgesetzt – das ist unzweifelhaft!“ Dem seit 1900 verbreiteten antisemitischen Pamphlet bedient sich auch der Holocaust-Leugner Jan Udo Holey, um eine jüdische Weltverschwörung zu belegen. In seinem zweibändigen, indizierten Werk „Geheimgesellschaften“ gibt Holey den Juden die Schuld am zweiten Weltkrieg, fabuliert von durch den israelischen Geheimdienst gesteuerten Neonazis und glaubt Helmut Kohl verschleiere seine jüdische Identität.

„Der durchschlagende Erfolg dieser Bücher zeigt, wie empfänglich Anhänger der Esoterik-Szene für antisemitische Verschwörungstheorien sind“, so Pressesprecher Lukas Strübl. „Esoterik wird häufig verharmlost und als Hokuspokus oder Privatsache abgetan“, meint Caroline Jürgens von der Antifa A3 weiter, „dabei ist unumstritten, dass esoterisch-rassistische Publikationen schon im Nationalsozialismus Hochkonjunktur hatten und die Rassenideologie maßgeblich beeinflussten. Neuauflagen rassistischer und antisemitischer Pamphlete, die unter dem Deckmantel der Esoterik breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden, müssen daher besonders beobachtet und entschieden zurückgewiesen werden.“

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Rechte Propaganda auf Rostocker Esoterik-Messe
Pressemitteilung der Antifa A3 Rostock vom 01.11.2007

Erneut Neonazi-Schmierereien in Rostock

In der Nacht zum Donnerstag haben unbekannte Täter Neonazi-Parolen in der Rostocker Innenstadt gesprüht. Die Antifaschistische Gruppe A3 warnt vor verstärkten rechten Aktivitäten.
Eine Pressemitteilung der Antifa A3 Rostock vom 25. April 2008

Auf einer Parole am Neuen Markt wird die alliierte Bombardierung Rostocks Ende April 1942 als „Bombenholocaust“ bezeichnet. In typischer Sprache der Neonazi-Szene wird damit nicht nur der im Ausmaß seiner Barbarei einzigartige Massenmord an sechs Millionen Juden relativiert. Gleichzeitig wird die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auf Leiden der deutschen Bevölkerung beschränkt, während Angriffe und Terror der Nazis als eigentliche Ursachen ausgeblendet werden. „Alliierter Massenmord“ war auf einem nahestehenden rechten Plakat zu lesen. Auf einer weiteren Schmiererei in der Rungestraße wird „Nationaler Sozialismus jetzt“ gefordert.

„Mit jeder ihrer Taten beweisen Neonazis ihre Unfähigkeit zur Menschlichkeit“, so Caroline Jürgens, Pressesprecherin der Antifaschistischen Gruppe A3: „Einseitig und damit scheinheilig kritisieren sie die alliierte Kriegsführung, während sie gleichzeitig den historischen Nationalsozialismus zurücksehnen. Dass sie damit Verfolgung, Vertreibung und Mord an politischen Gegnern und unliebsamen Teilen der Bevölkerung herbeiwünschen, ist offensichtlich.“

„Bereits in den vergangenen Jahren hatten Neonazis den Jahrestag der Bombardierung Rostocks zum Anlass für ihre Propaganda genommen und etwa 2004 eine Demonstration mit 180 Teilnehmer_innen veranstaltet. Auch am kommenden Wochenende hält die Antifaschistische Gruppe A3 deshalb rechte Veranstaltungen für möglich. Zugleich weist sie auf verstärkte Neonazi-Aktivitäten in Rostock hin. Erst kürzlich wurde die Gedenkstele auf dem Jüdischen Friedhof mit rechter Symbolik beschmiert; immer wieder kommt es zu rechten Übergriffen, besonders aus dem Umfeld des Nazi-Ladens in der Doberaner Straße; vermehrt sind rechte Aufkleber im Stadtbild zu finden.

„In Rostock werden glücklicherweise viele Wege gegangen, gegen rechte Propaganda und Neonazis aktiv zu werden“, teilt Tobias Albrecht, Pressesprecher der Antifa A3, abschließend mit. „Auch weiterhin sind vielfältige Mitteln nötig, damit nicht nur rechte Propaganda erfolglos bleibt, sondern auch den Rechten jede Lust zur Aktivität genommen wird.“

Jugendlicher Iraner weiterhin von Abschiebung bedroht

Richterin hegt Zweifel an Fluchtgründen, es fehle an Originalität
Eine Pressemitteilung der AG Integration vom 16. März 2008

Gestern am 15. April wurde im Boizenburger Amtsgericht über die Zukunft von Hamid Reza Shabanian verhandelt. Der 19-Jährige ist vor zwei Jahren aus politischen Gründen aus dem Iran geflohen. Mit einer Ablehnung erwartet ihn die Abschiebung aus Deutschland in die Diktatur der Mullahs und somit das Gefängnis oder sogar die Hinrichtung.

Nachdem Hamid von der Hinrichtung seines Vaters durch das Mullah-Regime erfahren hatte, begann er politisch aktiv zu werden und verteilte kritische Flugblätter. Für diese Tat wurde er von der Polizei verhaftet und anschließend zu 80 Peitschenhieben und drei Jahren Gefängnis verurteilt. An diesen Schilderungen hegte die Richterin Wessel vor Gericht von Beginn an erhebliche Zweifel: „Die Motivation für die politische Arbeit, ja der Tod des Vaters, ist auch alles ein bisschen sehr dünn.“ Schon im ersten Ablehnungsbescheid wird die persönliche Verfolgungsgeschichte als ständig wiederkehrendes „Repertoire vieler Asylbewerber“ abgetan. In Anbetracht des repressiven Mullah-Regimes, wo Folterungen in Gefängnissen und Steinigungen an politischen Gegnern auf der Tagesordnung stehen, klingt dies gerade zu zynisch.

Weiterhin stellte die Richterin in Frage, dass sich Hamid unmittelbar nach seiner Haftentlassung erneut politisch betätigte: „[…] was mir auch nicht so ganz einleuchtet, wenn man erst einmal erwischt worden ist und sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, dann acht Monate sogar in Haft und fängt dann sofort nach der Entlassung wieder an. […]“ Hamid hatte jedoch während des Prozesses keine Möglichkeit die Bedenken auszuräumen, da seine Aussagen auf Grund von Verständigungsproblemen weder korrekt übersetzt wurden, noch die Richterin an genaueren Nachfragen Interesse zeigte.

Für Hamid heisst es jetzt, auf sein Urteil zu warten. Innerhalb der nächsten zwei Wochen wird er den endgültigen Bescheid erhalten. Falls sein Asylantrag abgelehnt wird, bedeutet dies für ihn eine monatlich befristete Duldung. Das heisst für Hamid, dass er nicht arbeiten darf, somit seine gymnasiale Ausbildung nicht finanzieren kann und wie viele andere geduldete Flüchtlinge permanent von der Abschiebung bedroht ist. Kommt er seiner Mitwirkungspflicht nicht nach, sich um seinen Pass zu bemühen, werden seine Leistungen von monatlich 195 Euro sanktioniert. Hilft er bei der Beschaffung des Passes, kann und wird er unmittelbar in den Iran abgeschoben.

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„Gefängnis im Iran oder die Chance auf ein Leben in Deutschland“
Pressemitteilung der AG Integration vom 14. März 2008

Gefängnis im Iran oder die Chance auf ein Leben in Deutschland

Jugendlicher Iraner aus Bad Doberan von Abschiebung, Haft und Hinrichtung bedroht
Eine Pressemitteilung der AG Integration vom 14. März 2008

In Boizenburg wird am kommenden Dienstag über das Schicksal von Hamid Reza Shabanian verhandelt. Vor zwei Jahren ist der iranische Jugendliche nach Deutschland geflohen. Nun erwartet ihn mit der Möglichkeit der Abschiebung in die Diktatur der Mullahs das Gefängnis oder sogar die Hinrichtung.

Wenige Monate nach Hamids Geburt wurde sein Vater als Gegner des Regimes hingerichtet. Hamid wuchs in dem Glauben auf, dass sein Onkel sein Vater sei. Erst im Alter von 12 erfuhr er von dem Tod seines leiblichen Vaters. Als Jugendlicher begann Hamid, politisch aktiv zu werden, und verteilte kritische Flugblätter; die Polizei verhaftete ihn jedoch und er wurde zu 80 Peitschenhieben und drei Jahren Gefängnis verurteilt. Als Hamid nach zehn Monaten gegen 5.000 Euro Kaution freikam, die seine Mutter organisieren konnte, nutzte er die Chance zur Flucht vor weiterer Verfolgung. Mit der Hilfe von Schleppern gelangte der damals 16-Jährige über die Türkei nach Deutschland.

Nachdem Hamid sich in Hamburg bei der Polizei gemeldet hatte, wurde er in das Asylbewerberheim in Horst, später nach Bad Doberan verlegt. Den Berichten des Jugendlichen von der Verfolgung und Folter im Iran glaubten die Behörden zwar nicht, doch da er noch minderjährig war, konnte er vorläufig nicht abgeschoben werden. Zum Ende letzten Jahres, nun volljährig, erhielt Hamid jedoch die Vorladung für die am kommenden Dienstag stattfindende Verhandlung über sein Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik Deutschland.

Obwohl es ihm durch den Status als Asylbewerber schwer gemacht wird, versucht sich der Jugendliche aus dem Iran in den Alltag in Deutschland zu integrieren. Seit mehreren Monaten besucht Hamid die Schule in Bad Doberan und bringt sich erfolgreich Deutsch und Englisch bei, damit er später mal das Abitur machen kann. Bis vor kurzem hat er noch bei einem Rostocker Verein Fußball gespielt. Das Training musste Hamid jedoch abbrechen, weil er sich die Fahrtkosten nicht mehr leisten konnte; von 197 Euro im Monat muss er Verpflegung, Schulsachen, Fahrtkosten und auch seinen Anwalt bezahlen.

Die Verhandlung am 15. April entscheidet über die Zukunft von Hamid Reza Shabanian. „Wenn ich nach Hause fahre, werde ich verhaftet oder hingerichtet“, erzählt er. „Ich möchte gerne Medizin studieren, und wenn eines Tages bei uns Demokratie kommt, dann werde ich freiwillig nach Hause fahren.“ Der Alltag von Asylbewerbern in Deutschland ist zwar von bürokratischen Einschränkungen geprägt, die eine Integration erschweren sollen. Zumindest jedoch geben sie einem Jugendlichen wie Hamid Chance und Aussicht auf eine Zukunft in Freiheit, während ihn in der Heimat nur Verfolgung und Tod erwarten.

Wehret den Anfängen!

Der 1. April 1933, als die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, ist einer der Wendepunkte jüdischen Lebens in Deutschland. Er war Teil jenes Umschlagens antisemitischer Ausgrenzung in offizielle Politik, die schließlich zur systematischen Vernichtung führen sollte.

In Rostock begann der nationalsozialistische Boykott bereits am 30. März 1933. SA-Männer postieren sich an diesem Donnerstag drohend vor jüdischen Geschäften, auf Schildern und Plakaten ist zu lesen „Kauft nicht beim Juden“ oder „Deutsche kauft nur beim deutschen Mittelstand“. Die örtliche Presse berichtet ausführlich und zustimmend über die Aktionen und kündigt weitere Termine an. Einen Tag darauf zieht die SA von ihrem „Braunen Haus“ im Patriotischen Weg 118 mit Fackeln durch die Innenstadt zur Reiferbahn. Auf der abschließenden Großkundgebung hetzen die Nazis gegen Bolschewismus und Weltjudentum. „Am Sonnabend beginnt der Kampf und am Ende wird Alljuda schwinden und Deutschland frei sein“, kündigt der NSDAP-Kreisleiter und spätere Bürgermeister Walter Volgmann an.

Das Signal für den Höhepunkt am nächsten Tag war gegeben. In Rostock waren 57 Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien von der reichsweiten Aktion der Nazis betroffen, darunter etwa das große Kaufhaus Wertheim in der Kröpeliner Straße 34-35. Gewaltsam durchsuchten die Nazis die Kanzlei der Anwälte Gustav Goldstaub und Friedrich Rubensohn, die in der Vergangenheit Kommunisten verteidigt und Strafanzeigen gegen antisemitische Hetztiraden gestellt hatten. In die willkürliche „Schutzhaft“, in die Goldstaub bereits am 30. März genommen wurde, folgten in den nächsten Tagen weitere Bürger der jüdischen Gemeinde Rostocks.

Auch an der Universität eskalierte die Gewalt der Nazis. Ein Trupp des NS-Studentenbundes versammelte sich um Hans Moral und David Katz und zwang sie, ihre Professuren niederzulegen. Moral hatte schon lange Zeit unter Anfeindungen zu leiden, wurde von radikalen Studenten und der Universitätsleitung diskriminiert und von seinen Kollegen gemieden. „Aber eben weil ich Jude bin, soll ich aus meinem Amt entfernt werden. Das kann ich, der ich meine Arbeit immer mit vollem Herzen getan habe und der ich nichts getan habe, was gegen meinen Eid oder meine Pflicht gewesen wäre, nicht erleben“, schrieb er bereits im März 1933. „Ich werde also freiwillig gehen, aber ich gehe nicht, um anders meine Arbeit wieder aufzunehmen, ich gehe dahin, wo Ruhe und Frieden ist, die Ruhe, die mir die Elemente nicht gönnen, die meinen, dass ein Jude ein minderwertiger Mensch ist.“ Am 10. Mai 1933 verbrennen Rostocker Studenten auf dem Universitätsplatz unliebsame Werke jüdischer, marxistischer und pazifistischer Schriftsteller; kurz ist auf dem Platz ein Schandpfahl zu finden, an dem unerwünschte Literatur angeschlagen wird. Von seinen Verfolgern in die Verzweiflung getrieben, nimmt sich Hans Moral im August des Jahres in seiner Wohnung in der Friedrichstraße 31 das Leben.

Schon lange vor dem Auftreten der Nationalsozialisten waren nationalistische, völkische und damit antisemitische Anschauungen in der Region verbreitet, mussten die jüdischen Einwohner_innen Mecklenburgs immer wieder Anfeindungen aushalten. Bereits seit 1932 war die NSDAP in die Landesregierung von Mecklenburg-Schwerin eingebunden. Mit 23 Prozent der Stimmen waren die Nazis schon 1930 in die Rostocker Stadtverordnetenversammlung als zweitstärkste Fraktion eingezogen und konnten in den folgenden Jahren ihre radikalen Forderungen durchsetzen. 16.000 begeisterte Rostocker bejubelten 1932 Adolf Hitlers Auftritt auf einer Wahlkundgebung. Ein Appell von NSDAP-Chef Volgmann zum Ende des Jahres warf schon einen dunklen Schatten auf kommende Zeiten: „Bedenkt, dass Weihnachten ein christliches Fest ist, kauft nicht in jüdischen Geschäften.“

Zu diesem Zeitpunkt waren in der rasant wachsenden Stadt von 90.000 Einwohner_innen nur etwa 360 jüdisch. Obwohl die jüdischen Familien über das Stadtgebiet zerstreut lebten, wohnten viele von ihnen im Bereich von Langer Straße, Lagerstraße und Schmiedestraße sowie Grubenstraße und Fischbank. Mit der Übergabe der Berliner Regierungsgewalt an die Nazis 1933 veränderte sich die Situation der Rostocker Juden rapide. „Obwohl wir als Kinder noch nicht die tragische Bedeutung der Machtergreifung ermessen konnten, hat doch alles, was ich hörte und sah, einen einschneidenden Eindruck hinterlassen. Ich fühlte mich fremd und ausgestoßen“, erinnert sich Yaakov Zur. „Seitdem teile ich alles in ein Vorher und ein Nachher. Früher wurde man zu Geburtstagen oder zu anderen Gelegenheiten eingeladen. Das gab es nach 1933 nicht mehr (…) Wir erlebten den Boykott-Schabat am 1. April 1933, vor unserem Geschäft standen Nazis Wache, damit niemand hier kaufte.“

Als eine der ersten Aktionen Nazi-Deutschlands gegen seine jüdischen Bürger stellt der 1. April einen wesentlichen Punkt in der Ausgrenzung und Entrechtung deutscher Juden dar, die schließlich im organisierten Massenmord mündete. Gehörten antisemitische Vorurteile und Diskriminierungen schon vor 1933 zum erlebten Alltag in Deutschland, wurden sie fortan zur staatsoffiziellen Politik. Die Beteiligung von Millionen ganz gewöhnlichen Deutschen an und das Wegsehen der Mehrheit der damaligen Gesellschaft gegenüber den Verbrechen der folgenden Jahre bis 1945 macht die Einmaligkeit dieses Zivilisationsbruchs deutlich. Er fand nicht nur in Ghettos und Vernichtungslagern in Polen und der Sowjetunion statt, sondern begann bereits in der Nachbarschaft jeder deutschen Stadt. Die Alltäglichkeit des Antisemitismus verliert sich in der Ignoranz gegenüber der Erinnerung an Tage wie den 1. April 1933. Indem sich das moderne, scheinbar geläuterte Deutschland auf Anlässe wie den 27. Januar als weltweit begangenen Tag der Befreiung von Auschwitz oder den 9. November als „Schicksalstag des deutschen Volkes“ begnügt, verschwindet die Täter- und Zuschauerschaft der Deutschen aus dem Blick. Im Kontext einer stattfindenden Europäisierung des Holocaust, die in anderen Ländern zu Recht mit der Thematisierung von Kolloborationsgeschichte einhergeht, wird die deutsche Urheberschaft zunehmend relativiert oder als Phänomen der Zeit verleugnet. Dabei wollten jene Nachkommen der Täter_innen von einst, die heute ihre Verantwortung in eine gesamteuropäische einbetten, bis vor einigen Jahren noch von deutscher Schuld wenig wissen. Erst 1996 haben sie den internationalen Gedenktag an den Holocaust für sich entdeckt und zum Staatsakt erhoben.

„Ich war der einzige jüdische Schüler in der Klasse. Ich galt als zweitklassiger Mensch, als Aussätziger, als Paria. Ich musste allein sitzen, ohne Banknachbarn. Man konnte es einem deutschen Kinde doch nicht zumuten, mit einem jüdischen Kind zusammen in einer Klasse dieselbe Luft zu atmen, ebenfalls keinem deutschem Lehrer“, erinnert sich Yakoov Zur an seine Kindheit in Rostock. „Ich habe nie physische Schläge erlitten, es gibt aber Schläge, die nicht weniger schmerzen. Ich nenne sie kalte Schläge: Die Freunde von gestern kannten mich nicht mehr, du wirst beschämt und erniedrigt. In der Stadt triffst du auf Plakate ‚Juden und Hunde unerwünscht’. Solange man noch ins Kino oder ins Theater gehen durfte, musste man damit rechnen, angepöbelt zu werden, einer Kolonne der Hitlerjugend zu begegnen, die mit dem Lied ‚Wenn das Judenblut vom Messer spritzt’ grölend durch die Straßen zog.“

Mit den „Nürnberger Rassegesetzen“ vom 15. September 1935 wird der Antisemitismus juristisch festgeschrieben. Juden werden nun per Gesetz definiert und elementarer Rechte, wie der Möglichkeit zur Heirat von Nicht-Juden oder der freien Berufswahl beraubt. Von den „Arisierungen“ jüdischen Eigentums profitierten der deutsche Staat gleichermaßen, wie wirtschaftliche Konkurrenten und der Schnäppchenjäger von der Straße.

Bereits am 31. Oktober 1938 beginnen die ersten Deportationen aus Rostock nach Polen, nachdem unter der Leitung von Polizeipräsident Sommer 37 Juden ohne deutsche Staatsbürgerschaft verhaftet worden sind. Als in der Nacht zum 11. November 1939 die Rostocker Synagoge brennt, wird die anwesende Feuerwehr angehalten, lediglich das Ausbreiten des Feuers auf die Nachbarhäuser zu verhindern. Gleichzeitig werden jüdische Wohnungen und Geschäfte demoliert und 64 Rostocker Juden in die Strafanstalt Alt-Strelitz abtransportiert. „Alles war zerbrochen, das Geschirr zerschlagen, das Klavier zerstört. Wir hatten keinen heilen Stuhl mehr, auf dem man hätte sitzen können“, erinnert sich Yaakov Zur.

Sein Vater war unter jenen Verschleppten. Der fünfzehnjährige Junge, der damals noch seinen Geburtsnamen Alfred Jacques Zuckermann trug, bemühte sich in Berlin erfolgreich um ein Ausreisevisum für ihn. Nach etwaigen Schwierigkeiten gelingt es ihm und sein Vater kann sich nach Australien retten. Zurs kleine Schwester Ruth und seine Mutter Perle Zuckermann können keine Ausreisegenehmigungen mehr erlangen und bleiben in Rostock zurück. Zusammen mit anderen müssen sie in ein „Judenhaus“ in die Fischerbank 20 ziehen, wo sie auf engstem Raum mit anderen jüdischen Familien leben müssen.

Im Morgengrauen des 10. Juli 1942 werden Perle und Ruth Zuckermann unter den ersten 24 Juden aus Rostock, darunter fünf Kinder, von der Polizei durch die Straßen der Stadt zum Bahnhof getrieben und nach Auschwitz deportiert. Niemand von ihnen hat das Vernichtungslager überlebt. In weiteren Transporten wird der verbleibende Rest der jüdischen Gemeinde in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

14 jüdische Bürger überlebten in Rostock, zwei Frauen kehrten aus Theresienstadt zurück.