Wehret den Anfängen!

Der 1. April 1933, als die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, ist einer der Wendepunkte jüdischen Lebens in Deutschland. Er war Teil jenes Umschlagens antisemitischer Ausgrenzung in offizielle Politik, die schließlich zur systematischen Vernichtung führen sollte.

In Rostock begann der nationalsozialistische Boykott bereits am 30. März 1933. SA-Männer postieren sich an diesem Donnerstag drohend vor jüdischen Geschäften, auf Schildern und Plakaten ist zu lesen „Kauft nicht beim Juden“ oder „Deutsche kauft nur beim deutschen Mittelstand“. Die örtliche Presse berichtet ausführlich und zustimmend über die Aktionen und kündigt weitere Termine an. Einen Tag darauf zieht die SA von ihrem „Braunen Haus“ im Patriotischen Weg 118 mit Fackeln durch die Innenstadt zur Reiferbahn. Auf der abschließenden Großkundgebung hetzen die Nazis gegen Bolschewismus und Weltjudentum. „Am Sonnabend beginnt der Kampf und am Ende wird Alljuda schwinden und Deutschland frei sein“, kündigt der NSDAP-Kreisleiter und spätere Bürgermeister Walter Volgmann an.

Das Signal für den Höhepunkt am nächsten Tag war gegeben. In Rostock waren 57 Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien von der reichsweiten Aktion der Nazis betroffen, darunter etwa das große Kaufhaus Wertheim in der Kröpeliner Straße 34-35. Gewaltsam durchsuchten die Nazis die Kanzlei der Anwälte Gustav Goldstaub und Friedrich Rubensohn, die in der Vergangenheit Kommunisten verteidigt und Strafanzeigen gegen antisemitische Hetztiraden gestellt hatten. In die willkürliche „Schutzhaft“, in die Goldstaub bereits am 30. März genommen wurde, folgten in den nächsten Tagen weitere Bürger der jüdischen Gemeinde Rostocks.

Auch an der Universität eskalierte die Gewalt der Nazis. Ein Trupp des NS-Studentenbundes versammelte sich um Hans Moral und David Katz und zwang sie, ihre Professuren niederzulegen. Moral hatte schon lange Zeit unter Anfeindungen zu leiden, wurde von radikalen Studenten und der Universitätsleitung diskriminiert und von seinen Kollegen gemieden. „Aber eben weil ich Jude bin, soll ich aus meinem Amt entfernt werden. Das kann ich, der ich meine Arbeit immer mit vollem Herzen getan habe und der ich nichts getan habe, was gegen meinen Eid oder meine Pflicht gewesen wäre, nicht erleben“, schrieb er bereits im März 1933. „Ich werde also freiwillig gehen, aber ich gehe nicht, um anders meine Arbeit wieder aufzunehmen, ich gehe dahin, wo Ruhe und Frieden ist, die Ruhe, die mir die Elemente nicht gönnen, die meinen, dass ein Jude ein minderwertiger Mensch ist.“ Am 10. Mai 1933 verbrennen Rostocker Studenten auf dem Universitätsplatz unliebsame Werke jüdischer, marxistischer und pazifistischer Schriftsteller; kurz ist auf dem Platz ein Schandpfahl zu finden, an dem unerwünschte Literatur angeschlagen wird. Von seinen Verfolgern in die Verzweiflung getrieben, nimmt sich Hans Moral im August des Jahres in seiner Wohnung in der Friedrichstraße 31 das Leben.

Schon lange vor dem Auftreten der Nationalsozialisten waren nationalistische, völkische und damit antisemitische Anschauungen in der Region verbreitet, mussten die jüdischen Einwohner_innen Mecklenburgs immer wieder Anfeindungen aushalten. Bereits seit 1932 war die NSDAP in die Landesregierung von Mecklenburg-Schwerin eingebunden. Mit 23 Prozent der Stimmen waren die Nazis schon 1930 in die Rostocker Stadtverordnetenversammlung als zweitstärkste Fraktion eingezogen und konnten in den folgenden Jahren ihre radikalen Forderungen durchsetzen. 16.000 begeisterte Rostocker bejubelten 1932 Adolf Hitlers Auftritt auf einer Wahlkundgebung. Ein Appell von NSDAP-Chef Volgmann zum Ende des Jahres warf schon einen dunklen Schatten auf kommende Zeiten: „Bedenkt, dass Weihnachten ein christliches Fest ist, kauft nicht in jüdischen Geschäften.“

Zu diesem Zeitpunkt waren in der rasant wachsenden Stadt von 90.000 Einwohner_innen nur etwa 360 jüdisch. Obwohl die jüdischen Familien über das Stadtgebiet zerstreut lebten, wohnten viele von ihnen im Bereich von Langer Straße, Lagerstraße und Schmiedestraße sowie Grubenstraße und Fischbank. Mit der Übergabe der Berliner Regierungsgewalt an die Nazis 1933 veränderte sich die Situation der Rostocker Juden rapide. „Obwohl wir als Kinder noch nicht die tragische Bedeutung der Machtergreifung ermessen konnten, hat doch alles, was ich hörte und sah, einen einschneidenden Eindruck hinterlassen. Ich fühlte mich fremd und ausgestoßen“, erinnert sich Yaakov Zur. „Seitdem teile ich alles in ein Vorher und ein Nachher. Früher wurde man zu Geburtstagen oder zu anderen Gelegenheiten eingeladen. Das gab es nach 1933 nicht mehr (…) Wir erlebten den Boykott-Schabat am 1. April 1933, vor unserem Geschäft standen Nazis Wache, damit niemand hier kaufte.“

Als eine der ersten Aktionen Nazi-Deutschlands gegen seine jüdischen Bürger stellt der 1. April einen wesentlichen Punkt in der Ausgrenzung und Entrechtung deutscher Juden dar, die schließlich im organisierten Massenmord mündete. Gehörten antisemitische Vorurteile und Diskriminierungen schon vor 1933 zum erlebten Alltag in Deutschland, wurden sie fortan zur staatsoffiziellen Politik. Die Beteiligung von Millionen ganz gewöhnlichen Deutschen an und das Wegsehen der Mehrheit der damaligen Gesellschaft gegenüber den Verbrechen der folgenden Jahre bis 1945 macht die Einmaligkeit dieses Zivilisationsbruchs deutlich. Er fand nicht nur in Ghettos und Vernichtungslagern in Polen und der Sowjetunion statt, sondern begann bereits in der Nachbarschaft jeder deutschen Stadt. Die Alltäglichkeit des Antisemitismus verliert sich in der Ignoranz gegenüber der Erinnerung an Tage wie den 1. April 1933. Indem sich das moderne, scheinbar geläuterte Deutschland auf Anlässe wie den 27. Januar als weltweit begangenen Tag der Befreiung von Auschwitz oder den 9. November als „Schicksalstag des deutschen Volkes“ begnügt, verschwindet die Täter- und Zuschauerschaft der Deutschen aus dem Blick. Im Kontext einer stattfindenden Europäisierung des Holocaust, die in anderen Ländern zu Recht mit der Thematisierung von Kolloborationsgeschichte einhergeht, wird die deutsche Urheberschaft zunehmend relativiert oder als Phänomen der Zeit verleugnet. Dabei wollten jene Nachkommen der Täter_innen von einst, die heute ihre Verantwortung in eine gesamteuropäische einbetten, bis vor einigen Jahren noch von deutscher Schuld wenig wissen. Erst 1996 haben sie den internationalen Gedenktag an den Holocaust für sich entdeckt und zum Staatsakt erhoben.

„Ich war der einzige jüdische Schüler in der Klasse. Ich galt als zweitklassiger Mensch, als Aussätziger, als Paria. Ich musste allein sitzen, ohne Banknachbarn. Man konnte es einem deutschen Kinde doch nicht zumuten, mit einem jüdischen Kind zusammen in einer Klasse dieselbe Luft zu atmen, ebenfalls keinem deutschem Lehrer“, erinnert sich Yakoov Zur an seine Kindheit in Rostock. „Ich habe nie physische Schläge erlitten, es gibt aber Schläge, die nicht weniger schmerzen. Ich nenne sie kalte Schläge: Die Freunde von gestern kannten mich nicht mehr, du wirst beschämt und erniedrigt. In der Stadt triffst du auf Plakate ‚Juden und Hunde unerwünscht’. Solange man noch ins Kino oder ins Theater gehen durfte, musste man damit rechnen, angepöbelt zu werden, einer Kolonne der Hitlerjugend zu begegnen, die mit dem Lied ‚Wenn das Judenblut vom Messer spritzt’ grölend durch die Straßen zog.“

Mit den „Nürnberger Rassegesetzen“ vom 15. September 1935 wird der Antisemitismus juristisch festgeschrieben. Juden werden nun per Gesetz definiert und elementarer Rechte, wie der Möglichkeit zur Heirat von Nicht-Juden oder der freien Berufswahl beraubt. Von den „Arisierungen“ jüdischen Eigentums profitierten der deutsche Staat gleichermaßen, wie wirtschaftliche Konkurrenten und der Schnäppchenjäger von der Straße.

Bereits am 31. Oktober 1938 beginnen die ersten Deportationen aus Rostock nach Polen, nachdem unter der Leitung von Polizeipräsident Sommer 37 Juden ohne deutsche Staatsbürgerschaft verhaftet worden sind. Als in der Nacht zum 11. November 1939 die Rostocker Synagoge brennt, wird die anwesende Feuerwehr angehalten, lediglich das Ausbreiten des Feuers auf die Nachbarhäuser zu verhindern. Gleichzeitig werden jüdische Wohnungen und Geschäfte demoliert und 64 Rostocker Juden in die Strafanstalt Alt-Strelitz abtransportiert. „Alles war zerbrochen, das Geschirr zerschlagen, das Klavier zerstört. Wir hatten keinen heilen Stuhl mehr, auf dem man hätte sitzen können“, erinnert sich Yaakov Zur.

Sein Vater war unter jenen Verschleppten. Der fünfzehnjährige Junge, der damals noch seinen Geburtsnamen Alfred Jacques Zuckermann trug, bemühte sich in Berlin erfolgreich um ein Ausreisevisum für ihn. Nach etwaigen Schwierigkeiten gelingt es ihm und sein Vater kann sich nach Australien retten. Zurs kleine Schwester Ruth und seine Mutter Perle Zuckermann können keine Ausreisegenehmigungen mehr erlangen und bleiben in Rostock zurück. Zusammen mit anderen müssen sie in ein „Judenhaus“ in die Fischerbank 20 ziehen, wo sie auf engstem Raum mit anderen jüdischen Familien leben müssen.

Im Morgengrauen des 10. Juli 1942 werden Perle und Ruth Zuckermann unter den ersten 24 Juden aus Rostock, darunter fünf Kinder, von der Polizei durch die Straßen der Stadt zum Bahnhof getrieben und nach Auschwitz deportiert. Niemand von ihnen hat das Vernichtungslager überlebt. In weiteren Transporten wird der verbleibende Rest der jüdischen Gemeinde in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

14 jüdische Bürger überlebten in Rostock, zwei Frauen kehrten aus Theresienstadt zurück.

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2 Antworten auf “Wehret den Anfängen!”


  1. 1 Thomas Schobess 29. Oktober 2008 um 10:50 Uhr

    Hallo, das sind sehr interessante Ausführungen. gibt es über hans-eugen sommer andere erkenntnisse? wenn ja, würde ich mich über eine rückmeldung freuen lg.thom

  1. 1 side note: Heute vor 75 Jahren in Rostock | PfeffiProll Pingback am 01. April 2008 um 15:00 Uhr
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