Flugblätter enttarnen Neonazi-Aktivisten

An der Rostocker Universität können Neonazis unbehelligt ihrem Studium nachgehen

Zwei Neonazis, die sich in der mittlerweile verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ organisierten, studieren derzeit an der Universität Rostock. An den entsprechenden Instituten finden seit dem 22. Juni Flugblätter ihre Verbreitung, die über die neonazistischen Aktivitäten von Anita S. und Ragnar Dam informieren. Letzterer wurde jüngst wegen Volksverhetzung verurteilt. Während sich universitäre Gremien in Stillschweigen hüllen, werben Neonazis im Internet bei ihresgleichen für ein Studium an den Hochschulen des Landes.

Der „Wolf im Schafspelz“

Als Neonazi- und frühere HDJ-Aktivistin weisen Flugblätter, die an den Instituten für Geschichte sowie Germanistik verteilt wurden, die Studentin Anita S. aus. Auf der Internetplattform Studi-VZ posierte sie auf einem Foto mit einem Karabiner vor einem erlegten Bullen. Sie selbst bezeichnete sich dort als „Wolf im Schafspelz“. Gleichwohl falle Anita S. in Seminaren an der Universität Rostock durch ihr reaktionäres Weltbild auf. Auch hinter dem Thorshammer, den sie trage, stecke laut der namenlos verbreiteten Mitteilung mehr als ein Faible für germanische Mythologie.

Anita S. sei nicht nur mehrfach Teilnehmerin von Zeltlagern der HDJ gewesen, sondern „tief in jene Neonazi-Strukturen involviert“. Auch nach dem Organisationsverbot soll sie Kontakt zu deren Kadern pflegen. Explizit genannt werden David Petereit und Ragnar Dam. Im Mai 2009 verteilten die drei mit weiteren NPD- und früheren HDJ-Aktivisten – die sich vor Ort in Clownskostümen und mit dem Transparent „Willkommen in Multikultopia“ präsentierten – Flugblätter gegen das „Festival der Demokratie“. Passend dazu tummelte sich S. im Internet im sogenannten „Bündnis für Tolerie und Demokranz“. Ihre enge Bindung an die Rostocker Neonazi-Szene demonstrierte Anita S. auch nach dem „Outing“ an der Hochschule. Die NPD-Internetseite „Mupinfo“, für die Petereit verantwortlich zeichnet, bot ihr Raum für eine kurze Stellungnahme.

Ein Rassenideologe auf den Spuren der Waffen-SS

Ragnar Dam, der am Institut für Immunologie promoviert, äußerte sich bisher nicht öffentlich zu dem unverhofften „Outing“. Auch auf Dams Internetseite, die Auskunft über seinen wissenschaftlichen und beruflichen Werdegang gibt, sucht man vergeblich nach Hinweisen auf seine politische Laufbahn. Kleinlaut und reumütig gab er sich kürzlich vor dem Landgericht Berlin: In einer Erklärung, die er durch seinen Anwalt verlesen ließ, sprach er bezüglich seiner Aktivitäten in der HDJ von einer „Sturm-und-Drang-Zeit“, in der er „nicht viel nachgedacht, sondern mitgemacht“ habe.

Das Denken müsste Ragnar Dam demnach anhaltend schwer fallen, kann der 26jährige doch bereits auf eine langjährige und ebenso nicht endende neonazistische „Karriere“ zurückblicken. In den letzten Monaten zeigte sich Dam auf rechtsextremen Großveranstaltungen wie der Demonstration zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens und dem Rechtsrock-Festival „Fest der Völker“ in Pößneck. Auch bei der Eröffnung des NPD-Bürgerbüros in Grevesmühlen im April 2010 war er vor Ort. Im November 2009 demonstrierte Ragnar Dam mit über 200 Neonazis in Stralsund gegen den „alliierten Bombenterror“ und trat dabei als Trommler auf.

Faksimile: Ragnar Dam am 24. Oktober 2009 auf einer NPD-Demonstration in Stralsund.

Vor dem Verbot der HDJ galt Dam als Chef der sogenannten „Leitstelle Nord“ für Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. In dieser Funktion hat er maßgeblich an der Freizeitgestaltung in den Zeltlagern der HDJ mitgewirkt. Beim „Pimpfenlager“ im mecklenburg-vorpommerschen Költzin gehörten dazu etwa das Basteln von Hakenkreuzmasken sowie uniformierte Fackelmärsche. Bei einer „Julfeier“ im Januar 2007 im niedersächsischen Georgsmarienhütte schulte Ragnar Dam zum Teil Minderjährige in nationalsozialistischer Ideologie. Sein zutiefst rassistischer, antisemitischer und heterophober Schulungsvortrag über die „deutsche Volksgemeinschaft“, die Dam durch „Kaffer“, „langnasige Freunde“ und „Erbkranke“ gefährdet sehe, basierte laut Verfassungsschutz „auf einer Lehrgangsplanung für den Führernachwuchs der Waffen-SS“. Im Anschluss zeigte Dam den Anwesenden den NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“ von 1940, der die Öffentlichkeit seinerzeit auf die Vernichtung der europäischen Juden einstimmen sollte. Vor dem Berliner Landgericht wurde Ragnar Dam im Mai 2010 unter anderem wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten verurteilt. Wie Dam, der bereits ein abgeschlossenes Biologiestudium vorweisen kann, „mit solcher Bildung ernsthaft solche Rasseideologien vertreten kann“, blieb dem zuständigen Staatsanwalt rätselhaft. Laut der aktuellen Ausgabe des „Antifaschistischen Infoblattes“ (AIB #87) erhoffte sich Neonazi Dam eine geringere Strafe, damit seine Promotion nicht gefährdet ist.

Klare Positionierung der Universität Rostock gefordert

Es obliege der „Verantwortung der Universität Rostock, ob sie einen ideologisch gefestigten Rassisten weiterhin eine Promotion im Fach Biologie ermöglichen will, der Rassenkunde betreibt und sich auf pseudowissenschaftliche Biologen stützt“, heißt es in dem an der Universität verbreiteten Papier über den Promovenden Dam. Öffentlich wahrnehmbare Reaktionen seitens der Universitätsleitung sowie auch der Studierendenschaft auf die Neonazi-Aktivitäten von Ragnar Dam und Anita S. blieben bisher aus. Dabei wurde die Forderung, nach einer klaren Positionierung der Universität gegen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus bereits im Zuge des Bildungsstreiks im November des Vorjahres laut und an die universitären Gremien herangetragen. Nachdem 2008 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war, dass Dam an der Universität Greifswald sein Diplom mache, gab es immerhin eine Auseinandersetzung an der Universität sowie Stellungnahmen von Prorektor, Pressesprecher und Professoren.

NPD-Internetseite wirbt bei „nationalen Hochschülern“ für Studium in MV

Das Neonaziportal „Mupinfo“ weiß für die vergangenen Jahre fünf ähnliche „Outing“-Aktionen an der Universität Rostock zu vermelden und schwadroniert in diesem Zusammenhang von „Solidarisierungseffekte[n] im Kommilitonenkreis“. Michael F., der auch als Autor auf der Internetseite auftritt, vormals als Kopf der „Nationalen Sozialisten Rostock“ galt und an der Rostocker Universität im ersten Semester Politik- und Rechtswissenschaften studierte, konnte solche Solidarisierungseffekte offenbar nicht für sich geltend machen. Nachdem seine neonazistischen Aktivitäten Ende 2008 an der Hochschule öffentlich gemacht wurden, war F. immer seltener dort anzutreffen. Ähnlich schwierig gestaltete sich das Studium für ein Mitglied der „Akademischen Landsmannschaft Baltia Rostock“, nachdem sich ebenfalls 2008 unter Studierenden die Nachricht verbreitete, dass der Politikwissenschafts- und Geschichtsstudent Kai O. mit Wehrmachtsdevotionalien und einem T-Shirt der Neonazi-Band „Blue Eyed Devils“ im Internet posierte. Bereits zwei Jahre zuvor wurde der Multifunktionär David Petereit an der Universität „geoutet, der seinerzeit im vierten Semester Jura studierte und seit der Kommunalwahl 2009 die Wählerschaft der NPD in der Rostocker Bürgerschaft vertritt.

Unabhängig vom Engagement Einzelner, verhielt sich die Universität Rostock in all diesen Fällen nicht zu ihren Studierenden mit extrem rechter Gesinnung. Verbunden mit dem Aufruf an die rechtsextreme Klientel an den Hochschulen Mecklenburg-Vorpommerns zu studieren, heißt es auf „Mupinfo“: Man könne hier „in einem angenehmen Umfeld unter zahlreichen Gleichgesinnten weitgehend ungestört seinen Studien nachgehen“. Der Universität ist anzuraten, diesem Ungestörtsein von Neonazis endlich Grenzen zu setzen.

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