Tröten gegen „Demokröten“


Alf Börm (l.) und Stefan Zahradnik (r.) machen „Törö“
auf der NPD-Demo am 1. Mai 2010 in Rostock.

Pünktlich zum Schulbeginn warteten Rostocker Neonazis kürzlich am Eingang der Borwinschule in der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV) auf. Ihr mitgebrachtes Transparent „Deutsche nehmen Ausländern die Arbeitsplätze weg“ wurde geziert durch das Logo ihres sogenannten „Netzwerks für Tolerie und Demokranz“. Hinter diesem Label verbirgt sich ein vermeintliches Satireprojekt, mit dem Neonazis in angeblich kreativer Art und Weise versuchen, Vertreter_innen demokratischer Parteien aufs Korn zu nehmen. Was man etwa in der NPD von Demokrat_innen hält, machte der Landesvorsitzende Udo Pastörs beim Bundesparteitag im November 2010 in Hohenmölsen deutlich, indem er jene als „Demokröten“ verunglimpfte. Gemäß dieser Diktion macht sich die antidemokratische Allianz der Neonazis in ihrem „Punkteprogramm für das 21. Jahrhundert“ über demokratische Grundwerte lustig und zieht über zivilgesellschaftliches Engagement her. Ironisch heißt es dort: „Richtige Volkstreue müssen sich ‚Nazi‘ auf die Stirn tätowieren, ne Bomberjacke tragen und ne Glatze haben, damit die Lügenbarone der Presse endlich recht haben“ und an anderer Stelle: „Die Zukunft unser Kinder ist uns egal, weil wir sowieso keine mehr bekommen. Wir holen ja genug Immigranten rein: Wir wollen mehr und mehr und mehr, bis: Deutschland endlich stirbt!“.

Richtig lustig klingt das nicht.
Aber keine Frage: Nazis haben per se keinen Humor.

Frühere HDJ-Kader mimen den Spaßvogel

Erstmals öffentlich in Erscheinung getreten ist die Gruppierung im Mai 2009. Führende Kader der NPD und der seinerzeit bereits verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) versuchten das „Festival der Demokratie“ in Wismar zu stören. Verkleidet als Clowns und bestückt mit Trillerpfeifen und bunten Partyhütchen, wetterten sie mit Flugblättern und einem Transparent mit der Aufschrift „Willkommen in Multikultopia“ gegen Einwanderung und Migration. An der Verteilaktion beteiligt war der kürzlich wegen Hehlerei und Waffenbesitz festgenommene Neonazi Sven Krüger aus Jameln, der Multifunktionär der Neonaziszene David Petereit aus Rostock und ehemalige HDJ-Kader wie Anita Schindler, Alf Börm, Tino Streif und Ragnar Dam.

Vor dem Verbot der HDJ im März 2009 fungierte Ragnar Dam als Leiter der „Sektion Nord“ für Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie „Einheitsführer“ für „Mecklenburg und Pommern“. Im Zuge des Verbotsverfahrens fanden im Oktober 2008 bundesweite Razzien statt. Auch die Wohnung von Dam wurde durchsucht, der zu dieser Zeit noch in Greifswald wohnte und studierte. Im Mai 2010 musste sich Dam schließlich vor dem Berliner Landgericht verantworten. Als Hauptangeklagter wurde er zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten, ausgesetzt zu drei Jahren auf Bewährung, verurteilt. Er bastelte nicht nur mit Kindern Hakenkreuzmasken, sondern hielt im Januar 2007 eine „Rasseschulung“ im sogenannten „NPD-Heim“ am Harderberg ab. Davon offenbar unberührt kann Dam seinem Promotionsstudium am Institut für Immunologie der Universität Rostock nachgehen. Die bereits genannte Anita Schindler pflegt auch nach dem HDJ-Verbot Kontakte zu ehemaligen Kadern in Mecklenburg-Vorpommern, beispielsweise zu Alf Börm.

Alf Börm fungierte 2008 bei einem Zeltlager der HDJ nahe Hohen Sprenz als Leiter einer Kindergruppe. Seine Aufgabe war es, Jungen und Mädchen beizubringen, wie sie sich unterzuordnen und beim Morgenappell im militärischen Stil geradezustehen haben. Das Zeltlager, an dem etwa 40 Kinder teilnahmen, wurde seinerzeit von der Polizei aufgelöst. Vor Ort wurden Tücher mit Hakenkreuzen sowie einschlägig rechte Liedtexte beschlagnahmt. Als Sohn von Manfred Börm, Leiter des „Bundesordnerdienstes“ der NPD, versucht Alf Börm in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Der 22jährige geht einem Studium in Wismar nach, verteilt in der Region eifrig den „Meckelbörger Boten“ und trompetet gelegentlich auf NPD-Demonstrationen.

In Naschendorf, unweit von Jameln, wohnt Alf Börm gemeinsam mit seinem Kommilitonen Tino Streif, der für die NPD im Kreistag von Grevesmühlen sitzt. Die Wohnräume von Tino Streif wurden erst kürzlich von der Polizei durchsucht. Offenbar suchen Börm und Streif nach dem HDJ-Verbot ein neues Betätigungsfeld und versuchen den Aufbau der Jungen Nationaldemokraten (JN) als NPD-Jugendorganisation in Westmecklenburg voranzutreiben. Durch bundesweite Razzien bei Aktivisten der JN wurde bekannt, dass im Sommer 2011 ein Zeltlager in Mecklenburg-Vorpommern geplant ist. Wie die HDJ veranstaltet die Interessengemeinschaft (IG) „Fahrt und Lager“ als Gruppierung innerhalb der JN Zeltlager, deren ideologisches Programm sich auch an Kinder richtet. Unter der Federführung der JN fanden in den letzten Jahren mehrere Aktivitäten in Westmecklenburg statt.


Wenn Ironie zur Wahrheit wird: Tino Streif zwischen Glatzen und Bomberjacken auf der NPD-Demo am 3. Oktober 2008 in Stralsund.

David Petereit und sein Komödiantenstadl

Eine der vielen Aktivitäten der früheren HDJ-Kader in Mecklenburg-Vorpommern bleibt, zu gegebenen Anlässen unter dem Motto „Tolerie und Demokranz“ Propaganda zu verteilen und Stimmung gegen die Zivilgesellschaft zu machen. So versuchten Sven Krüger und Tino Streif im Oktober 2010 zusammen mit anderen Neonazis das „Fest der Vielfalt“ in Gägelow zu stören. Streif filmte Besucher_innen ab und versuchte gezielt Veranstalter_innen einzuschüchtern. Desweiteren sind auf der Neonazi-Website „Mupinfo“ immer wieder Veranstaltungshinweise von Demokratiefesten zu finden, die unterschwellig mit dem Aufruf verbunden sind, diese zu besuchen und zu stören. Als Anmelder für diese Internetseite, wie auch für die des „Netzwerks für Tolerie und Demokranz“ fungiert David Petereit. Viel los ist auf der Internetseite des „Netzwerks“ nicht. Sie dient lediglich als Bestell- und Visitenkarte. Auch für Flyer, die unter dem Label verteilt und auf der Seite zu bestellen sind, zeichnet Petereit im Sinne des Presserechts verantwortlich. Als Kontaktadressen sind das „Thing-Haus“ in Grevesmühlen, welches unter der Obhut Sven Krügers steht, sowie das Bürgerbüro von Michael Andrejewski für die Region Ostvorpommern angegeben.

Inzwischen gehen die Aktivitäten des „Netzwerks“ über den ursprünglichen harten Kern früherer HDJ-Kader hinaus. So kann sich jede Neonazi-Gruppierung des Labels bedienen und Flyer und Transparente ordern, sofern sie nicht von den führenden Kadern von vor Ort instruiert werden muss. Im Internet brüsteten sich die „Nationalen Sozialisten Rostock“ (NSR) damit, den Bildungsbus, der am 1. Februar 2011 unter er dem Motto „Demokratie auf Achse“ an der Borwinschule gastierte, in Empfang genommen zu haben. Dieses Mal drückte der Neonazi und NPD-Wahlkampfhelfer Thomas Nowak den Schüler_innen die Flugblätter in die Hand. Demnächst setzt sich vielleicht auch David Petereit wie in Wismar wieder selbst die Clownsnase auf. Immerhin sind in nächster Zeit noch einige Aktionen zu erwarten, mit denen Neonazis versuchen, Strukturen und Netzwerke, die sich deutlich gegen Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus wenden, gezielt zu verhöhnen und zu schwächen. Dabei dient der Spott der vermeintlichen Spaßvögel nur als Fassade für ihre menschenverachtende Ideologie – und die ist keineswegs zum Lachen.

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