Auf Kuschelkurs mit der Polizei?

Mit Unbehagen erfüllte Rostocker Neonazis im Januar 2011 eine Observation durch die Polizei, während sie selbst eine Gedenkveranstaltung zum Holocaust-Gedenktag in Rostock-Gehlsdorf ausspähten. Wie die „Nationalen Sozialisten Rostock“ in homophober Manier auf ihrer Internetseite vermeldeten, fühlten sie sich vor Ort „arg belästigt“, weil Polizeibeamte ihrer Wahrnehmung nach „immer wieder die Nähe suchten und fast auf Kuschelkurs gingen“. Jedoch ist die Polizei für NPD und Kameradschaften in Mecklenburg-Vorpommern Hass- und Liebesobjekt zugleich, ihr Verhältnis ein Tanz zwischen Nähe und Distanz.

Gefährliche Liebschaft sorgt bei Neonazis für Aufruhr

Bereits seit Wochen kursieren Gerüchte im Netz: Michael Fischer, Kader der „Nationalen Sozialisten Rostock“ sei mit einer Polizistin liiert. Was in der Neonazi-Szene für Verstimmungen sorgte und nun durch Stillschweigen ausgesessen werden soll, scheint sich unlängst bestätigt zu haben: Auf dem linken Internetportal Indymedia sind Fotos der Herzensdame von Fischer aufgetaucht. Besonders brisant: Der Artikel weist sie als „Vorzeigepolizistin“ aus. Auf einem Foto für das Titelblatt des „Polizei-Journals“ posierte sie neben Lorenz Caffier (CDU). Auf der Internetseite Mupinfo, dem Michael Fischer seine Feder leiht, wird der Innenminister allenthalben als „Kaffern-Lori“ verunglimpft und der „Gesinnungsschnüffelei“ bezichtigt. Für die Neonaziszene in Mecklenburg-Vorpommern ist er eine Hassfigur par excellence.

Dieser unlösbare ideologische Widerspruch hat unter Neonazis für Aufruhr gesorgt. In einer E-Mail und im Schein der Anonymität nannte eine sogenannte „AG Aufklärung“ das Handeln von Michael Fischer „unverständlich und unverantwortlich“ und beklagte, dass die „Weitergabe von denunzierenden Informationen nicht aus[zu]schließen“ sei. Die Reaktionen nach einer Veröffentlichung in der Kommentarspalte auf dem Neonazi-Portal Altermedia schwankten zwischen Beschwichtigungs- und Rechtfertigungsversuchen, dem Glauben an eine Verschwörung von „Staat und Antifa“ und Forderungen nach Distanzierung oder Aufklärung des Vorfalls. Eine offizielle Stellungnahme blieb jedoch aus. Ob diese Hinhaltetaktik die erhitzten Gemüter beruhigt, scheint allerdings fraglich. Bei der Demonstration in Teterow, an deren Mobilisierung die „Nationalen Sozialisten Rostock“ maßgeblich beteiligt waren und bei der sich das „Who is Who“ der „Autonomen Nationalisten“ die Klinke in die Hand gab, blieb Michael Fischer der Öffentlichkeit jedenfalls fern.

Die NPD als Anwalt der Polizei

Nicht nur im Privaten, auch im Politischen haben sich Kameradschaftsstrukturen und die sich nicht weniger „systemfeindlich“ gebende NPD einem Kuschelkurs verschrieben. Zwar wird anlassbezogen gegen Polizeigewalt gewettert und von einem Aufbegehren gegen „Caffiers Eingreiftruppen“ und „Knüppelgarden“ schwadroniert, gleichwohl versuchen Neonazis sich zum Anwalt von Polizeibeamten aufzuschwingen. Vor linker Gewalt, Personalabbau und Überbelastung will die NPD sie geschützt wissen und in der Ausübung von polizeilichem Dienstsport unterstützen. In dieser Diktion wandte sich die NPD auch postalisch an die Polizeidienststellen des Landes und versuchte Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte gegen den Innenminister aufzuwiegeln. Auch Michael Fischer übte sich in der Vergangenheit in derartigen Anbiederungsversuchen, etwa wenn er auf Mupinfo die Polizei vor linker „Hetze“ in Schutz nehmend schreibt: „Besonders gerne wird jedoch gegen die Polizei gehetzt, was mitunter bei Linksextremisten die einzige und armselige Kritik am Staat darstellt.“

Die von Neonazis zur Schau gestellte Solidarität mit der Polizei nimmt durch die öffentlich gewordene Liebschaft von Michael Fischer eine völlig neue Dimension an, die für weite Teile der Neonazi-Szene kaum ideologiekompatibel sein mag. Durch die im Politischen wie im Privaten gelebte Verbundenheit mit der Polizei, erscheint die Pressemitteilung mit dem Titel „NPD-Fraktion stärkt der Landespolizei den Rücken“ vom März 2010, mit der die Partei gegen die Polizeistrukturreform in Mecklenburg-Vorpommern opponierte und die auch auf Mupinfo Verbreitung fand, in ganz neuem Licht.

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