Archiv der Kategorie 'Ilja-Ehrenburg-Straße'

Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock: Zweifelhafte Umbenennungswünsche

Presseerklärung der Initiative Ilja Ehrenburg vom 22. Juli 2010

Seit einigen Tagen betreibt die Junge Union Rostock, die schon in der Vergangenheit im Gefolge einschlägiger neofaschistischer Aktionen mit Flugschriften und Forderungen aufgetreten ist, eine Kampagne zur Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock. Damit hat sie zwar in der Rostocker Bürgerschaft keinen Anklang gefunden, Pressemitteilungen zufolge aber wohl bei politischen Vertretern der CDU auf Landes- und Bundesebene.

Ilja Ehrenburg (1891-1967) war ein jüdischer sowjetischer Schriftsteller, Dichter und Publizist. Bereits mit seinem ersten Roman erschrieb er sich Weltruhm. Den überwiegenden Teil seines Lebens verbrachte er außerhalb der Sowjetunion, vor allem in Frankreich. Er organisierte internationale Schriftstellerkongresse für die Verteidigung der Kultur gegen den Faschismus, arbeitete im Jüdischen Antifaschistischen Komitee der Sowjetunion, war einer der Herausgeber des >Schwarzbuchs< über die Verbrechen der faschistischen Invasoren an den sowjetischen Juden und in den fünfziger und sechziger Jahren ein führender Kopf der Weltfriedensbewegung, unter anderem Mitautor des Stockholmer Appells gegen die Atomwaffe 1950. In Deutschland ist er landläufig vor allem wegen seiner Kriegspublizistik bekannt. Gerade über sie wird aber mit besonders wenig Sachkunde geschrieben und gesprochen.

Die Protagonisten der aktuellen Umbenennungskampagne legen wenig Ehre ein: Der Name Ilja Ehrenburg wird falsch geschrieben. Titel von Werken Ehrenburgs werden verwechselt. Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion von Mecklenburg-Vorpommern, der Ilja Ehrenburg nachsagt, Stalin >fanatisch< verehrt und zu seiner Politik geschwiegen zu haben, weiß nicht, dass Ehrenburg sowohl gegen den Hitler-Stalin-Pakt als auch gegen eine vermutete Deportation der sowjetischen Juden auftrat sowie gegen Übergriffe der Roten Armee auf die deutsche Zivilbevölkerung protestierte und dafür mit Publikationsverbot und der Androhung seiner Liquidation büßen musste. Ein Bundestagsabgeordneter der CDU aus MV, der Ehrenburg vorwirft, zum unterschiedslosen Töten von Deutschen gehetzt zu haben, setzt sich durch unvollständige Textkenntnis dem Verdacht aus, sich aus Quellen zu bedienen, die auch von Faschisten für ihre >Argumentationen< genutzt werden. Alle geben vor, Ehrenburgs Kriegspublizistik zu kennen, obwohl noch keiner seiner Kriegsartikel in deutscher Übersetzung gedruckt vorliegt. Alle sprechen von Beweisen für die Wirkungen der Kriegspublizistik von Ehrenburg und ignorieren ein Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte München, das schon vor Jahren nachgewiesen hat, dass der Vorwurf, Ilja Ehrenburg habe zur Vergewaltigung deutscher Frauen aufgerufen, einer faschistischen Propagandalüge entstammt.

Dabei gibt es Gelegenheiten genug, sich über Ilja Ehrenburg zu informieren: Seit 2007 arbeitet in Rostock unsere Initiative. Wir informieren über Leben und Werk Ilja Ehrenburgs und fördern das Gedenken an seine Person. Dazu haben wir 2007-2008 eine Veranstaltungsreihe über Ilja Ehrenburg organisiert, geben Publikationen heraus und konnten 2009 die Ausstellung >Ilja Ehrenburg und die Deutschen<, mit der das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst nach seiner Neukonzipierung wiedereröffnet wurde, nach Rostock holen. In der Zeit der Ausstellung fand eine Podiumsdiskussion mit Kandidaten zur Kommunalwahl 2009 über den Straßennamen statt, auf der sich niemand für eine Umbenennung aussprach. Nach einer Verlängerung wurde die Ausstellung nach Kopenhagen übernommen und durch das dortige Literaturhaus ein hochkarätiges Begleitprogramm organisiert. Wir verfügen über Sprachkompetenz und können über beliebige Texte Ilja Ehrenburgs Auskunft geben.

Ilja Ehrenburg setzte sich sein ganzes Leben lang gegen jede Art der Verfolgung von Juden ein. Die zweite Konstante seines Lebens war sein konsequenter Antifaschismus. Seine Kriegspublizistik fußte auf seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Faschismus bereits aus dem Deutschland der zwanziger Jahre, aus dem faschistischen Putsch und seiner ausländischen Unterstützung in Spanien 1936-1939 und aus dem Fall von Paris. Die Angriffe in seinen Kriegsartikeln, die sich von denen der Kriegspublizisten an allen Fronten allenfalls durch ihre höhere literarische Qualität unterschieden, galten den faschistischen Aggressoren und ihrem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Wer darüber nicht spricht, schweigt über die faschistische deutsche Vergangenheit und ebnet einer weiteren Ausbreitung geschichtsrevisionistischen und neofaschistischen Gedankenguts in der Gesellschaft den Weg. Die Initiative Ilja Ehrenburg wird in den nächsten Tagen ihre Unterstützer aus Wissenschaft, Kunst und Politik im In- und Ausland über die Vorgänge in Rostock informieren.

„Ilja Ehrenburg und das Judentum“

Vortrag mit Prof. Dr. Arkady Tsfasman

18.06.2009 | 19 Uhr
Peter Weiss Haus (ehemaliges HDF) – Rostock

Ilja Ehrenburg war Jude. Sein Verhältnis zu Juden und Judentum ist dennoch nicht unumstritten. Unterschiedliche Bewertung erfahren einerseits seine Aktivitäten im Jüdischen Antifaschistischen Komitee der Sowjetunion und bei der Zusammenstellung des Materials für „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden“ sowie seine Rolle als Ansprechpartner für die Probleme der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion bis weit nach dem Krieg, andererseits sein Verhältnis zu Juden als Sowjetbürgern und zu Israel.

„Quo vadis, Ilja Ehrenburg in Rostock?“

Podiumsdiskussion mit Kommunalpolitikern

04.06.2009 | 19.30 h – 22.30 h
Peter Weiss Haus (ehemaliges HDF) – Rostock

Seit Jahren schwelt der Streit um den Namen der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel. 2007 gründete sich deshalb die Initiative Ilja Ehrenburg. Ihr Beitrag für die Wahlkampfzeit ist die Ausstellung „Ilja Ehrenburg und die Deutschen. Im Vorfeld der Kommunalwahl wollen wir mit Vertretern von Parteien, Wählervereinigungen und natürlich den Rostocker Einwohnern diskutieren, wie sich die Stadt zukünftig mit dem Straßennamen auseinandersetzen und das Gedenken an den Menschen Ilja Ehrenburg bewusst gestalten kann.

Tagesaktualität hat die Veranstaltung durch die erneute Schändung des Straßenschildes der Ilja-Ehrenburg-Straße vor einigen Tagen erhalten, indem mutmaßliche Neonazis den Straßennamen durch Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß ersetzten.

Auf dem Podium nehmen Platz: Dr. Maria Pulkenat (AUFBRUCH 09), Günter Althaus (DIE LINKE), Christoph Friederich (FDP) und Johann-Georg Jaeger (GRÜNE) sowie Vertreter weiterer Parteien und Wählervereinigungen.

„Ilja Ehrenburg und die Deutschen“

Leben und Werk des sowjetischen Schriftstellers und Publizisten Ilja Ehrenburg (1891-1967) zeigt ab Freitag eine Ausstellung von Soziale Bildung e.V. und der Initiative Ilja Ehrenburg im Peter-Weiss-Haus.

Aus dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst kommt die Ausstellung „Ilja Ehrenburg und die Deutschen“ jetzt nach Rostock. Nach geschichtlichen Perioden des 20. Jahrhunderts gegliedert, veranschaulicht sie in Bildern, Texten und Zitaten Ehrenburgs Rolle in seiner Zeit. Für den deutschen Betrachter besonders aufschlussreich sind ihre Materialien über Ehrenburgs Lebensjahre in Deutschland, seine Arbeit als Dokumentarist des faschistischen deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg und die Kampagne der Deutschen Soldaten-Zeitung und National-Zeitung gegen die Herausgabe seiner Memoiren in der Bundesrepublik Deutschland Anfang der 60-er Jahre.

In Rostock dürfte die Ausstellung besonderes Interesse finden: Regelmäßig werden Forderungen erhoben, die Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel umzubenennen. Auch dazu gibt es hier Informationen.

Zum Begleitprogramm gehören Vorträge, Filme, Führungen mit Diskussion für Schüler, ein Gespräch mit Einwohnern von Toitenwinkel und ein Podium mit Rostocker Kommunalpolitiker_innen.

Die Ausstellung läuft vom 8. Mai bis 28. Juni im Peter-Weiss-Haus (ehemaliges HdF).

Öffnungszeiten: Mo-Fr: 14-18 Uhr, Do: 14-20 Uhr, So: 10-16 Uhr

Eröffnung: 8. Mai, 19 Uhr

Kontakt: Initiative Ilja Ehrenburg, Tel. 0176-24894316,
für Schulen: Soziale Bildung e.V., 0381-4618248

Der Kampf um die Ilja-Ehrenburg-Straße [update]

Im Rostocker Wohngebiet Toitenwinkel wurden dieser Tage tausende Faltblätter mit Informationen über den russischen Schriftsteller und Antifaschisten Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg verteilt, um den geschichtsrevisionistischen Verleumdungen gegenüber seiner Person entgegenzutreten und die Pläne zur Umbennenung der Ilja-Ehrenburg-Straße im Stadtteil Toitenwinkel zu durchkreuzen. Die ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘ kündigt unterdessen – anküpfend an eine Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Ehrenburgs – weitere Veranstaltungen in Rostock an.

Als Reaktion auf die Ankündigung von Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling [parteilos], die Diskussion über die Umbennung der Straße wieder aufzurollen und in die Bürgerschaft zu tragen, gründete sich im April 2007 die ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘. Die Initiative, an der sich das ‚Rostocker Friedensbündnis‘, die ‚Antifa A3 Rostock‘, die ‚VVN-BdA-Basisgruppe Rostock‘, die offene linke Jugendgruppe ‚LI*MO‘, der Kreisverband der ‚Linkspartei Rostock‘ und Einzelpersonen beteiligen, trat am 8. Mai – dem Tag der Befreiung – mit einem offenen Brief an den Oberbürgermeister und die Stadt Rostock an die Öffentlichkeit. Die darin enthaltenen Forderungen, „- den Namen der Ilja-Ehrenburg-Straße zu erhalten!, – die historische Berechtigung der Benennung Ilja-Ehrenburg-Straße öffentlich darzustellen und der Person Ilja Ehrenburg zu gedenken!, – geschichtsrevisionistischen Verleumdungen der Person Ilja Ehrenburg öffentlich entgegenzutreten!“, haben mittlerweile prominente Unterstützung gefunden. Unterzeichnet wurde er unter anderem von Prof. Lilly Marcou [Ehrenburgs französischer Biographin], Prof. Jochanan Trilse-Finkelstein [Literatur- und Theaterwissenschaftler], Gerhard Zwerenz [Schriftsteller], Prof. Heinz Deutschland [Historiker], Kai Degenhardt [Musiker] und Rolf Becker [Schauspieler].

„Deutschenhasser“, „Mordhetzer“ und „Kriegsverbrecher“?

Propaganda, Parolen und Provokationen rechter und konservativer Gruppierungen

Rechte Propaganda gegen die Ilja-Ehrenburg-Straße

„Antideutschen Hetzern keine Plattform geben!“, heißt es auf Aufklebern der ‚Mecklenburgischen Aktionsfront‘ [MAF], verbunden mit der Forderung die „Ilja-Ehrenburg-Straße ab[zu]schaffen!“. Hin und wieder zieren diese Nazi-Sticker – für die Neonazi und NPD-Landtagsmitarbeiter David Petereit verantwortlich zeichnet – Rostocker Laternenpfähle, bis couragierte Anwohner_innen sie auf direktem Weg dem Altpapier zuführen. Das augenscheinlich nicht allzuleichte Unterfangen, die Ilja-Ehrenburg-Straße im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel „abzuschaffen“, ist – wie die nachfolgende Chronik zeigt – schon seit Jahren hehres Ziel von regionalen Neonazi-Strukturen und konservativen Kreisen:

März 1998
Unbekannte besprühen das Straßenschild der Ilja-Ehrenburg-Straße mit roter Farbe. Zeitnah bekundet Reinhard Busch, Autor des NPD-Organs ‚Deutsche Stimme‘ [DS], in einer „Information für die Bewohner der Ilja-Ehrenburg-Straße“ sein Unverständnis darüber, wie eine Straße nach einem „jüdisch-sowjetischen Propagandisten und Mordhetzer“ benannt sein kann.
Eine Straßenumbenennung wird – wie bereits 1993 – durch den ‚Ortsbeirat Toitenwinkel‘ und den ‚Ausschuss für Stadtentwicklung‘ abgelehnt.

Juli 2000
In der Regionalpresse beklagen sich Leser_innen mehrfach über den „Schandfleck [Ilja-Ehrenburg-Straße] in der Rostocker Stadtgeschichte“ und fordern die Bürgerschaft auf, die Straße unverzüglich umzubenennen. Zwischen 1993 und 2000 erreichten bereits 14 Protestschreiben die Hansestadt, in denen sich die Verfasser_innen über die Beibehaltung des zu DDR-Zeiten vergebenen Straßennamen echauffieren und sich dabei insbesondere auf Publikationen wie die ‚Junge Freiheit‘ oder ‚Der Schlesier‘ berufen.

Oktober 2000
In Rostock-Toitenwinkel tauchen Flugblätter der ‚Bürgeraktion – Unsere Zukunft – der Rostocker Bürger für Volksaufklärung, Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit‘ auf, die Ilja Ehrenburg als „Mordhetzer“ brandmarken und für die Rüdiger Kahsner, Ex-FAP- und NPD-Mitglied aus Hagen, als presserechtlich Verantwortlicher zeichnet.

Frühjahr 2001
Die geschichtsrevisionistische ‚Vereinigung Gesamtdeutsche Politik e.V.‘ [VGP] stellt den Anwohner_innen der Ilja-Ehrenburg-Straße persönlich Broschüren zu, in der Ehrenburg u.a. als „Initiator des Holocaust an den Vertriebenen“ bezeichnet wird.

Mai 2001
Die Fraktion ‚Unabhängige Christliche Demokraten‘ [UCD], möchte keine Straße in der Welt, „insbesondere nicht in einer deutschen Stadt“, nach Ilja Ehrenburg benannt sehen und bringt einen Umbenennungsantrag in die Bürgerschaftssitzung ein. Nach Belieben der UCD soll die Straße in „Andrej-Sacharow-Straße“ umgetauft werden.

September 2001
‚Freie Kameradschaften‘, mobilisieren mit Unterstützung des ‚Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Norddeutschland’ [NSAN] etwa 300 Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Berlin – unter ihnen auch zahlreiche NPD-Mitglieder – nach Rostock-Toitenwinkel. Im Zuge der Demonstration verhängen Neonazis das Straßenschild mit einem Müllsack und schlagen den Nazi-Bruchpiloten Rudolf Heß als neuen Namenspatron vor.

Oktober 2001
„Die Entscheidung ist ein Skandal“, empört sich ein Rostocker CDU-Parlamentarier darüber, dass der Versuch die Ehrenburgstraße umzubennen an den politischen Mehrheiten in der Bürgerschaft scheitert, obwohl selbst der ‚Ortsbeirat Toitenwinkel‘ derweil eine Umbenennung in „Max-Born-Straße“ in Erwägung zieht.

März 2002
Etwa 120 Neonazis aus dem Kreis der ‚Freien Kameradschaften‘ fühlen sich auf den Plan gerufen und demonstrieren im März 2002 erneut „Für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße.“ Bereits im Februar wurden die Anwohner_innen per Postwurfsendungen – die auf Lutz Dessau zurückgehen und in denen Ehrenburg zu einem der „größten Kriegsverbrecher aller Zeiten“ stilisiert wird – aufgefordert, sich der Nazi-Demonstration anzuschließen.

Mai 2002
NPD-Kader Lutz Dessau versucht die Debatte in der ‚Deutschen Stimme‘ wachzuhalten und ereifert sich darüber, dass die Stadt Rostock es sich erlaube ein Straße nach Ehrenburg zu benennen, welcher angeblich „während des Zweiten Weltkrieges Rotarmisten dazu aufrief, deutsche Frauen und Kinder zu schänden bzw. umzubringen.“

November 2002
„Soll man Unrecht auch noch loben?“, fragt die ‚Junge Union Rostock‘ in einem Brief, der die Haushalte der Ehrenburgstraße erreicht, um die Frage sogleich mit Nein zu beantworten. Um „Mord, Totschlag, Vergewaltigung“ und andere „Scheußlichkeiten“ nicht auch noch zu belohnen, bittet die JU die Leser_innen um Unterstützung.

April 2003
Die ‚Junge Union‘ fabuliert von einem „Verstoß gegen die Vorstellungen von Recht und Unrecht [, wenn] ein Kriegshetzer wie Ilja Ehrenburg als Namenspate für eine Rostocker Straße dient“, ruft zur Umbenennung auf und lädt unter dem Titel „Rostock braucht keine Kriegshetzer“ Einwohner_innen der Ilja-Ehrenburg-Straße zu einer Informationsveranstaltung ein.
Bezug nehmend auf einen Neonazi-„Trauermarsch für die deutschen Opfer des alliierten Luftterrors“, zu dem Mitglieder der ‚Aktionsgruppe Festungsstadt Rostock‘ [AGR] zum 26. April 2003 aufrufen, verteilen Neonazis nach eigenen Angaben über 25.000 Flugblätter an Rostocker Haushalte. Der Stadt Rostock werfen Sie in diesem Zusammenhang vor, „die Frechheit“ zu besitzen, „eine Straße im Stadtteil Toitenwinkel nach dem sowjetisch-jüdischen Mordhetzer und Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg zu benennen.“

Juni 2003
Die Aktionsgruppe Rostock [AGR] unterbreitet den Einwohner_innen von Toitenwinkel ein Pamphlet mit dem Titel „Ilja Ehrenburg – Der Mann ohne Ehre!“, für das Christian Worch verantwortlich zeichnet und indem – anhand nicht belegter Zitate – unterstellt wird, Ehrenburg hätte „sich das Töten von Deutschen zum Lebensziel gemacht“. Im selben Jahr überkleben Neonazis das von ihnen angeprangerte Straßenschild mit „Rudolf-Heß-Straße“.

April 2007
Die Ostsee-Zeitung berichtet, dass der Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling in einer der nächsten Bürgerschaftssitzungen einen Beschluss über die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße herbeiführen will. Entfacht wurde die neuerliche Diskussion u.a. durch Christoph Kleemann, Leiter der ‚Außenstelle Rostock der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes‘, der sich nach Erhalt eines Beschwerdebriefes aus Baden-Baden an die Präsidentin der Bürgerschaft wandte und diese aufforderte „eine schnellst mögliche Umbenennung anzuregen“.
Die NPD Mecklenburg-Vorpommern vermeldet im Internet kurz darauf euphorisch: „[…] kein Monument, das für nationale Erniedrigung steht, [ist] von Dauer – nicht einmal ein Straßenschild.“

Oktober 2007
„Endlich weg damit! Ilja Ehrenburg Straße abschaffen. Zionistischen Hetzern keine Plattform geben,“ heißt es auf hunderten von kleinen Flugzetteln, die Unbekannte vor den Eingang des ‚Max-Samuel-Haus‘ werfen. Ziel der Propaganda ist das Auditorium einer Lesung aus Ehrenburgs Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz“, mit der eine Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Ilja Ehrenburgs in Rostock eröffnet wird.

November 2007
In Rostock werden Aufkleber mit der Aufschrift: „Ilja-Ehrenburg-Straße abschaffen! / Rostock sagt NEIN / Antideutschen Hetzern keine Plattform geben!“ und einem Verweis auf die Internetseite der „Mecklenburgischen Aktionsfront“ [MAF] verklebt.

April 2008
Hunderte Flugzettel mit den bekannten MAF-Parolen gegen die Ilja-Ehrenburg-Straße werden mehrfach in den Straßen von Rostock – insbesondere vor öffentlichen und universitären Einrichtungen in den Ortsteilen Innenstadt und Steintor-Vorstadt, sowie nahe der Ehrenburg-Straße in Toitenwinkel – gestreut. Dort wird auch zum wiederholten Mal eines der Straßenschilder mit roter Farbe beschmiert.


… the show must go on


Wie die Jüdische Zeitung im Dezember 2007 berichtete, ließ OB Roland Methling inzwischen vermelden, dass der Vorgang die Ilja-Ehrenburg-Straße umzubennen vorerst ruhe, „die Diskussion um die Person und das Werk von Ilja Ehrenburg [hingegen] aufmerksam und mit großem Interesse verfolgt“ werde. Zudem sei er sich wohl durchaus darüber im Klaren, dass er Neonazis und Geschichtsrevisionisten mit einer Umbenennung aktiv in die Hände spielen würde. Eine klare Abfuhr erteilt er ihnen nicht.

Die Bestrebungen über Ilja Ehrenburg zu informieren und auf eine eindeutige Positionierung der Stadt hinzuarbeiten dauern folglich an. Am 8. Mai wird der Osteuropawissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Geier aus Leipzig die Veranstaltungsreihe der ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘ über Leben und Werk Ehrenburgs mit einem Referat über „Antisemitismus in der Sowjetunion“ vorerst abschließen. Weitere Veranstaltungen sind in Planung. Darunter auch eine etwaige Präsentation der international beachteten Ausstellung „Ilja Ehrenburg und die Deutschen“ in Rostock, die vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst Unterstützung findet. „Wir wünschen uns, dass die Ausstellung auch die Unterstützung der Hansestadt Rostock bekommt“, heißt es in einer Pressemeldung der Initiative.

***

Ilja Ehrenburg: Schriftsteller, Dichter, Übersetzer, […]
Faltblatt der ‚Initiative Ilja Ehrenburg‘ über Leben und Werk Ilja Ehrenburgs und die Rostocker Ilja-Ehrenburg-Straße.

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

Ehrenburgs Engagement gegen den Faschismus

Prof. Dr. Arkady Tsfasman, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Rostock, spricht am 16. Dezember um 17 Uhr im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, Augustenstr. 20, zum Thema „Antifaschistische Tätigkeit und antifaschistisches Literaturschaffen Ilja Ehrenburgs“.

Das Eintreten gegen den Faschismus war eine der großen Konstanten in Ehrenburgs Leben und Schaffen. Seine internationalen Erfahrungen hatten ihn das Emporkommen und den Charakter des Faschismus schon früh erleben lassen, und er setzte sich, auch entgegen Umschwüngen in der offiziellen Politik der Sowjetunion, leidenschaftlich für seine Bekämpfung ein: als Mitorganisator der Internationalen Schriftstellerkongresse zur Verteidigung der Kultur gegen den Faschismus, im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Volksfront, als Autor des Romans „Der Fall von Paris“, als Mitglied des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, in seiner Kriegspublizistik, als Berichterstatter von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und als Aktivist der Weltfriedensbewegung. Über seine Verantwortung als Schriftsteller in dieser Auseinandersetzung schrieb er: „Die Diplomaten kennen Verdünnungszonen, neutrale Pufferstaaten. Aber mir war klar: Zwischen uns und dem Faschismus lag auch nicht der schmalste Streifen Niemandsland. In der Vergangenheit mag es Zeiten gegeben haben, in denen der Künstler seine Menschenwürde bewahren konnte, ohne auch nur für eine Stunde seine Kunst aufzugeben. Unsere Zeit verlangte von jedem Menschen nicht das Feuer der Inspiration, sondern tägliche Opfer, Verzicht.“

Prof. Dr. Arkady Tsfasman ist Historiker, Ehrenmitarbeiter des Hochschulwesens der Russischen Föderation und Ordentliches Mitglied der Akademie der Geisteswissenschaften St. Petersburg. Seine Veröffentlichungen befassen sich mit Themen wie der politischen und Kulturgeschichte Deutschlands, dem Stalinismus und der Historiographie Russlands und der Sowjetunion. Die Arbeit der Rostocker Jüdischen Gemeinde unterstützt er durch Vorträge und Publikationen.

Der Vortrag wird in russischer Sprache gehalten, vor Ort erfolgt eine Übersetzung ins Deutsche. Die Veranstaltung beginnt mit Informationen über die Arbeit der Initiative Ilja Ehrenburg, nach dem Vortrag laden wir zur Diskussion ein. Der Eintritt ist frei; Spenden sind willkommen.

*Die Initiative Ilja Ehrenburg arbeitet für die Erhaltung des Namens der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel. Sie informiert über Leben und Werk des sowjetischen Schriftstellers und Publizisten und fördert das Gedenken an seine Person.
Mitglieder der Initiative Ilja Ehrenburg: Antifaschistische Gruppe A3, LI*MO, DIE LINKE. Kreisverband Rostock, VVN-BdA Basisorganisation Rostock, Rostocker Friedensbündnis und Einzelpersonen.

***

„Antifaschistische Tätigkeit und antifaschistisches Literaturschaffen Ilja Ehrenburgs“
Veranstaltungsflyer der Initiative Ilja Ehrenburg.

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

„Im Zerrspiegel der Geschichte“

Eine Veranstaltungsankündigung der Initiative Ilja Ehrenburg*

„Im Zerrspiegel der Geschichte. Deutsche Bilder von Ilja Ehrenburg.“
mit Eveline Passet, Übersetzerin und Rundfunkautorin, Berlin.
Studierende der HMT lesen Gedichte von Ilja Ehrenburg.
Dienstag, 20. November, um 20.00 Uhr
Kleinkunstbühne des „Ursprung“, Alter Markt 16.
(Achtung: Veranstaltungsort wurde verlegt und findet nicht – wie zuvor angekündigt – in der HMT statt)
Eintritt frei, Spende erbeten

„Der Deutschen ideale Feindfigur“ hat Eveline Passet Ilja Ehrenburg in mehreren Veröffentlichungen genannt. Seine kosmopolitische Lebensweise, seine Bildung, seine schriftstellerische Klasse, seine souveräne Haltung auf dem internationalen Parkett, sein rückhaltloses Engagement gegen den Faschismus, sein Judentum sind Elemente, aus deren willkürlicher Kombination immer wieder ahistorische, aber politisch umso besser nutzbare Bilder von Ehrenburg erschaffen worden sind. Bezeichnend dafür ist die Editionsgeschichte der deutschen Übersetzungen von „Menschen – Jahre – Leben“, Ehrenburgs Memoiren, einem Kompendium seiner Zeit in drei Bänden: In der BRD der sechziger Jahre war die Herausgabe des Buches durch den renommierten Kindler Verlag von üblen Ausfällen und einer beschämenden Pressekampagne begleitet, in der DDR gelang ihre Veröffentlichung nur im Rahmen der mehrbändigen Werkausgabe
des Verlags Volk und Welt. Das Zerrbild vom “Deutschenhasser” Ehrenburg widerlegen auch seine Gedichte, die an diesem Abend gelesen werden.

Über die Referentin und die Lesenden :
Eveline Passet ist literarische Übersetzerin (Russisch, Französisch) und Rundfunkautorin (künstlerische und Literaturfeatures). In ihrer Übersetzung erschien 1996 im Aufbau Verlag die Ehrenburg-Biographie von Lilly Marcou. 1997 erarbeitete sie zusammen mit Raimund Petschner die Ausstellung „Ilja Ehrenburg und die Deutschen“ für das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst. Mehrfach hat sie sich speziell mit der Rezeption von Ehrenburgs Kriegspropaganda im Nachkriegsdeutschland (West) auseinandergesetzt.
Die Gedichte von Ilja Ehrenburg lesen Studierende der Hochschule für Musik und Theater Rostock.

Vor Beginn der Veranstaltung erfolgt eine Einführung in die Veranstaltungsreihe, im Anschluss laden wir zur Diskussion ein.

*Die Initiative Ilja Ehrenburg arbeitet für die Erhaltung des Namens der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel. Sie informiert über Leben und Werk des sowjetischen Schriftstellers und Publizisten und fördert das Gedenken an seine Person.
Mitglieder der Initiative Ilja Ehrenburg: Antifaschistische Gruppe A3, LI*MO, DIE LINKE. Kreisverband Rostock, VVN-BdA Basisorganisation Rostock, Rostocker Friedensbündnis und Einzelpersonen.

***

„Im Zerrspiegel der Geschichte. Deutsche Bilder von Ilja Ehrenburg.“
Veranstaltungsflyer der Initiative Ilja Ehrenburg.

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

„Das Schwarzbuch“ – Wirkung und Entstehung

Eine Veranstaltungsankündigung der Initiative Ilja Ehrenburg*

Am Freitag, dem 9.11. – Tag des Gedenkens an die Pogrome im faschistischen Deutschland 1938 – werden Dr. Ruth und Prof. Dr. Heinz Deutschland über die Entstehung und Wirkung von Ilja Ehrenburgs: „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden“ referieren. Auszüge aus dem „Schwarzbuch“ liest Manfred Keiper.
Der Abend mit Vortrag, Lesung und anschließender Diskussion beginnt um 20 Uhr in der „anderen buchhandlung“ (Wismarsche Str. 6/7).

Ilja Ehrenburg: „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden“
Während des faschistischen Aggressionskrieges gegen die Sowjetunion 1941-1945 schickten sowjetische Frontkämpfer Dokumente und Briefe über ihre Erlebnisse an den vielgelesenen Kriegspublizisten Ilja Ehrenburg. Schon bald sammelten auf seine Anregung hin etwa vierzig Schriftsteller Berichte über den Genozid, den die faschistischen Aggressoren an der jüdischen Bevölkerung der besetzten sowjetischen Gebiete verübten. Die Texte schilderten Massaker wie das von Babi Jar, die Zustände in den Vernichtungslagern und viele einzelne Verbrechen an sowjetischen Juden. Ilja Ehrenburg fungierte zusammen mit seinem Kollegen Wassili Grossman als Herausgeber der Sammlung. In seinen Memoiren schrieb er: „Die Arbeit am ‚Schwarzbuch’ kostete mich nicht wenig Zeit, Kraft und Nerven. Zuweilen, wenn ich ein mir übersandtes Tagebuch las oder dem Bericht eines Augenzeugen lauschte, war mir, als sei ich selber im Ghetto, als fände gerade eine ‚Aktion’ statt und man jagte mich in eine Schlucht oder einen Graben.“
Die anfangs staatlich geförderte Publikation kam jedoch nicht zustande: 1948 wurde der Druck des „Schwarzbuches“ gestoppt und das Manuskript beschlagnahmt. Die erste russischsprachige Ausgabe erschien 1980 in Jerusalem. Die deutschsprachige Ausgabe bei Rowohlt 1994 ist die erste vollständige.

Über die Referenten und den Lesenden:
Dr. Ruth und Prof. Dr. Heinz Deutschland sind Historiker. Sie haben neben eigenen Veröffentlichungen Werke zur Geschichte der Sowjetunion und einzelnen ihrer politischen Persönlichkeiten übersetzt und herausgegeben. Ihre neueste Arbeit ist die Edition des Briefwechsels zwischen Käte und Hermann Duncker. In diesem Zusammenhang erinnern sie am 27.11. auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Rostock an die Berufung von Hermann Duncker zum Dekan an der Universität Rostock 1947. Manfred Keiper ist Inhaber der „anderen buchhandlung“.

Vor Beginn der Lesung erfolgt eine Einführung in die Veranstaltungsreihe, im Anschluss laden wir zur Diskussion ein.

*Die Initiative Ilja Ehrenburg arbeitet für die Erhaltung des Namens der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel. Sie informiert über Leben und Werk des sowjetischen Schriftstellers und Publizisten und fördert das Gedenken an seine Person.
Mitglieder der Initiative Ilja Ehrenburg: Antifaschistische Gruppe A3, LI*MO, DIE LINKE. Kreisverband Rostock, VVN-BdA Basisorganisation Rostock, Rostocker Friedensbündnis und Einzelpersonen.

***

„Das Schwarzbuch“ – Wirkung und Entstehung
Veranstaltungsflyer der Initiative „Ilja Ehrenburg“.

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

Neonazi-Propaganda gegen Ilja Ehrenburg

„Endlich weg damit! Ilja Ehrenburg Straße abschaffen. Zionistischen Hetzern keine Plattform geben,“ hieß es auf hunderten kleinen Flugzetteln, die Unbekannte gestern mehrfach vor den Eingang des Max-Samuel-Hauses warfen. Ziel der rechten Propaganda war das Auditorium einer Lesung aus Ehrenburgs Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz“, die – ohne weitere Zwischenfälle – eine Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Ehrenburgs eröffnete. Weder die Diskussion um den Erhalt des Straßennamens im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel, noch das brutale Bild, welches Neonazis und Feinde Ehrenburgs von ihm zeichnen, ist neu. Schon zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges wurde der sowjetische Schriftsteller und Publizist, als Jude und Kommunist, zur Hassfigur der Nationalsozialisten erklärt.

Etwas größeren Aufwand derartige NS-Propaganda aufzuwärmen und weit verbreitete antisemitische Ressentiments zu bedienen, betrieb unter anderem die geschichtsrevisionistische „Vereinigung Gesamtdeutsche Politik e.V.“ [VGP] Anfang 2001, welche den Anwohner_innen der Ilja-Ehrenburg-Straße persönlich Broschüren zustellte, in denen der 8. Mai 1945 u.a. zum „Tag tiefster Trauer“ umgedeudet und Ehrenburg als „Initiator des Holocaust an den Vertriebenen“ bezeichnet wird.
Zum 22. September 2001 mobilisierten schließlich sogenannte „Freie Kameradschaften“, mit Unterstützung des ‚Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Norddeutschlands’, [NSAN] nach Toitenwinkel. Unter Berufung auf ein offenbar vom deutschen Propagandaministerium im November 1944 gefälschtes Flugblatt, auf dem die Losung „Tötet! Tötet!“ prangt und mit dem Ehrenburg zum „Mordhetzer“ und „geistigen Brandstifter für Massenvergewaltigung und Kriegsverbrechen“ an der deutschen Zivilbevölkerung degradiert werden sollte, hofften die Neonazis auf breiten Zuspruch der Anwohner_innen. Diesen Solidarisierungseffekt sollte offensichtlich auch der fiktiv mit „Bürgeraktion – Unsere Zukunft – der Rostocker Bürger für Volksaufklärung, Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit“ unterzeichnete Demonstrationsaufruf erzielen, für den der Rostocker Neonazi-Kader Lutz Dessau verantwortlich zeichnete. Darin wird Ehrenburg als einer der „größten Kriegsverbrecher aller Zeiten“ verleumdet. Dem „Protestmarsch gegen den Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg“ schlossen sich schließlich etwa 300 Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Berlin, unter ihnen auch zahlreiche NPD-Mitglieder, an. Um ihrem Demonstrations-Motto „Gegen die Verhöhnung der Opfer – für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße!“ Nachdruck zu verleihen, verhängten Neonazis kurzerhand das Straßenschild mit einem Müllsack und unterbreiteten den Vorschlag, Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß zum neuen Namenspatron zu ernennen. Am Rande des Neonazi-Aufmarsches wurden mehrere Jugendliche tätlich von Neonazis angegriffen und verletzt.
Vermutlich ist es der bald darauf folgenden Einsicht der Rostocker Bürgerschaft geschuldet, einen zuvor gestellten Antrag der ‚Unabhängigen Christlichen Demokraten’ [UCD] zur Umbenennung der Ehrenburg-Straße abzulehnen: Ende März des Jahres 2002 demonstrieren erneut etwa 120 Neonazis aus dem Spektrum der „Freien Kameradschaften“ und der ultra-rechten NPD „Für die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße.“
Bezug nehmend auf einen Neonazi-„Trauermarsch für die deutschen Opfer des alliierten Luftterrors“, zu dem Mitglieder der ‚Aktionsgruppe Festungsstadt Rostock’ [AGR] zum 26. April 2003 aufgerufen hatten, verteilten Neonazis nach eigenen Angaben über 25.000 Flugblätter an Rostocker Haushalte. Der Stadt Rostock warfen Sie in diesem Zusammenhang vor, „die Frechheit“ zu besitzen, „eine Straße im Stadtteil Toitenwinkel nach dem sowjetisch-jüdischen Mordhetzer und Kriegsverbrecher Ilja Ehrenburg zu benennen.“ In einem anderen Flugblatt unterstellte die AGR anhand gefälschter Zitate, Ehrenburg hätte „sich das Töten von Deutschen zum Lebensziel gemacht“. Auch NPD-Kader Lutz Dessau, wollte die Auseinandersetzung um die Ehrenburg-Straße nicht verloren geben und formulierte unbeeindruckt von historischen Fakten im NPD-Parteiorgan „Deutsche Stimme“ [DS]: “In Rostock-Toitenwinkel trägt eine Straße noch immer den Namen des geistigen Brandstifters Ilja Ehrenburg, der während des Zweiten Weltkrieges Rotarmisten dazu aufrief, deutsche Frauen und Kinder zu schänden bzw. umzubringen. Die Folgen – man frage einst in Ostpreußen oder Pommern ansässige Deutsche – waren verheerend.“ Noch im selben Jahr überklebten Neonazis das von ihnen angeprangerte Straßenschild mit „Rudolf-Heß-Straße“.
Organisatorische, personelle und weltanschauliche Überschneidungen zwischen Neonazis und konservativen Strömungen werden an der öffentlichen Darstellung Ilja Ehrenburgs deutlich. So relativierte kürzlich der Bundesvorsitzende der ‚Landsmannschaft Schlesien’, Rudi Pawelka [CDU], beim so genannten „Deutschlandtreffen“ die Verantwortung Nazi-Deutschlands für die Vertreibungen aus früheren deutschen Ostgebieten. Er behauptete, es sei eine „Tatsache, dass es die Hetzschriften des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg waren, […] die zu den großen Verbrechen aufstachelten […] und nicht etwa das vorangegangene Tun der Deutschen Wehrmacht im Osten.“ Auch die „Junge Union“ [JU] setzte sich mehrfach für die Umbennenung der Straße ein. Im Jahr 2002 verteilte der CDU-Nachwuchs Flugblätter in denen behauptet wurde Ehrenburg hätte zu „Mord, Totschlag, Vergewaltigungen und anderen Scheußlichkeiten“ aufgerufen, im Jahr darauf sah die JU einen „Verstoß gegen die Vorstellungen von Recht und Unrecht [, wenn] ein Kriegshetzer wie Ilja Ehrenburg als Namenspate für eine Rostocker Straße dient.“ Derlei geschichtsrevisionistische Propaganda wird bis heute in Briefen an die Stadt, in Postwurfsendungen an Rostocker Haushalte oder Leserbriefen in Tageszeitungen immer wieder aufgewärmt. Wahr wird sie dadurch nicht!

***

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.

„Jüdischer Schwejk – russischer Schelm?“

Eine Veranstaltungsankündigung der Initiative „Ilja Ehrenburg“*

Zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe über das Leben und Werk Ilja Ehrenburgs liest Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein (Berlin) am Freitag, dem 12. Oktober 2007, aus Ehrenburgs satirischem Roman: “Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz”. Die Lesung beginnt um 19.00 Uhr im Max-Samuel-Haus (Schillerplatz 10).

Wer war Ilja Ehrenburg?
Der 1891 in Kiew geborene russischsprachige jüdische Schriftsteller war Autor der größten – dreibändigen – Epopöe über den Zweiten Weltkrieg in Europa: “Der Fall von Paris” (1942), “Sturm” (1947), “Die neunte Woge” (1952). Er verfasste wichtige Romane über die revolutionären Umbrüche im Sowjetrussland der 20-er und 30-er Jahre: “Die Abflussgasse” (1926), “Ohne Atempause” (1935). 1955 arbeitete er in “Tauwetter” Folgen der Stalinzeit auf. Des Weiteren schrieb er zahlreiche kapitalismuskritische Bücher: “Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito und seiner Jünger” (1921) oder “Das Leben der Autos” (1929-1935). Ehrenburg nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil und beschrieb ihn in einer Vielzahl von Reportagen. Er war an vielen Brennpunkten internationaler Konflikte, sprach mehrere Sprachen (perfekt französisch), lebte über mehrere Zeitabschnitte in Paris. Zudem schrieb er glänzende Essays über Literatur. Sein Zeitalter besichtigte er in seinen tiefgreifenden Memoiren “Menschen Jahre Leben” (in vier Bänden, 1960 ff.). 1953 verweigerte er seine Unterschrift unter Stalins Plan zur Deportation sowjetischer Juden. Als sein poetischstes und vergnüglichstes, dabei widerständisches Werk gilt “Lasik Roitschwantz”.

Über den Lesenden:
Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein ist ein namhafter Literaturwissenschaftler, Heine-Biograph (Heinrich Heine, gelebter Widerspruch: eine Biographie. Berlin 2001) und Verfasser wichtiger Werke zum Theater. 27 Mitglieder seiner Familie wurden im Holocaust getötet. Er ist Mitbegründer des Jüdischen Kulturvereins Berlin und noch heute in seinem Vorstand aktiv.

Vor Beginn der Lesung erfolgt eine Einführung in die Veranstaltungsreihe, im Anschluss laden wir zur Diskussion ein.

*Die Initiative Ilja Ehrenburg arbeitet für die Erhaltung des Namens der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel. Sie informiert über Leben und Werk des sowjetischen Schriftstellers und Publizisten und fördert das Gedenken an seine Person.
Mitglieder der Initiative Ilja Ehrenburg: Antifaschistische Gruppe A3, LI*MO, DIE LINKE. Kreisverband Rostock, VVN-BdA Basisorganisation Rostock, Rostocker Friedensbündnis und Einzelpersonen.

***

„Jüdischer Schwejk – russischer Schelm?“
Veranstaltungsflyer der Initiative „Ilja Ehrenburg“.

Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!
Offener Brief an die Hansestadt Rostock und eine Unterschriftenliste zum Erhalt der Ilja-Ehrenburg-Straße.