Archiv der Kategorie 'Neonazi-Gewalt'

„Autonome“ Neonazis an der Leine der NPD

Revolutionär und aktionistisch geben sich die Neonazis der „Nationalen Offensive Teterow“ (NOT). Nahezu wöchentlich ziehen sie durch die Stadt, kleben Aufkleber und schmieren rechte Parolen an Häuserwände. Auch spontane Demonstrationen, Angriffe auf Bürgerbüros und Gewalttaten gegen die Polizei gehen auf das Konto der Kameradschaft, die sich selbst zu den „Autonomen Nationalisten“ zählt. Wer im Ort versucht, sich gegen Neonazis zu positionieren, wird gezielt von ihnen eingeschüchtert. Am 5. März 2011 soll es nun eine angemeldete Demonstration mit Unterstützung der NPD in Teterow geben.

Die Vorbereitungen für die Neonazi-Demonstration unter dem Motto „Zukunft statt Hartz IV – Volkstod stoppen!“ laufen derzeit auf Hochtouren. Nach eigenen Angaben lud man sich am vergangenen Wochenende Kameraden aus Berlin ein, die helfen sollten, in Teterow und Umland Flugblätter zu verteilen und anschließend einen Wildschweinbraten zu verzehren. Bereits am 12. Februar veranstalteten Teterower Neonazis in der Stadt einen Infoabend, um ihren Kameraden den Sinn einer Demonstration in dem Ort zu erklären. Die NPD versucht derweil, mit einem Demo-Jingle landesweit Teilnehmer für die Demonstration zu gewinnen. Der NPD-Landesverband rief bereits unmittelbar, nachdem die „Nationalen Sozialisten Rostock“ (NSR) die Demonstration in Teterow bekannt gaben, zur Teilnahme auf.

Apokalyptische Wahnvorstellungen vom „Volkstod“

Anders als in weiten Teilen des Landes gibt sich die Neonazi-Szene in Teterow wenig bürgernah und „autonom“. Ihr augenscheinlicher Versuch, vor anderen Gruppierungen und der NPD Eigenständigkeit zu behaupten, scheitert bereits an der Demo-Organisation. So offenbart die Funktion von David Petereit (NPD) als Anmelder, dass die „Freien Kräfte“ nicht in der Lage sind, selbständig eine Demonstration durchzuführen oder über ihr „Revier“ hinaus politisch zu agieren. Aktivitäten und Aufrufe machen vielmehr deutlich, dass die NPD in Teterow dem jugendlichen Nachwuchs ein wenig Auslauf gewährt, um ihn für den Wahlkampf an sich zu binden. Schenkt man Diskussionen im Internet glauben, rumort es derzeit allerdings innerhalb der Neonazi-Szene, weil einer ihrer Kader mit einer Polizistin liiert sein soll; vermutlich aus taktischen Gründen wird die Diskussion darüber gemieden. Am kommenden Samstag demonstrieren Neonazis in Teterow so fernab von Inhalten vor allem eins: Die strategische Geschlossenheit von Neonazis mit Autonomen-, Skinhead- oder Volkstums-Attitüde. Geeint werden sie durch apokalyptische Wahnvorstellungen von einem vermeintlichen „Volkstod“, an dem sich Neonazis aus Brandenburg und Sachsen schon längere Zeit abarbeiten.

Hinter dem sinnentleerten Geschwafel über den demographischen Wandel verbergen sich altbekannte völkische und rassistische Vorstellungen: Bekannte reaktionäre Phantasien von erzwungener Mutterschaft und „Blut-und-Boden“-Umzugsverbot vermischen sich mit Forderungen, Einwanderer_innen, die die leeren Städte und Sozialkassen auffüllen, abzuschieben. Dass der demographische Wandel seit langem ein Tätigkeitsfeld von Politik und Gesellschaft ist, wird im gewohnten Schimpf über „die da oben“ ignoriert.

„Nationale Offensive“ mit Gewalt und spärlichen Pamphleten

Als David Petereit am 5. Dezember mit seinem Wanderzirkus aus Rostock und Teterow nach Lalendorf zog, um dort Flugblätter gegen den Bürgermeister der Gemeinde zu verteilen, wurden die Neonazis schnell von der Polizei behindert. Auch in Teterow selbst sind die rechten Aktivisten häufig mit der Staatsmacht konfrontiert. Gerade einmal ein Wochenende ist es her, dass Neonazis der „Nationalen Offensive Teterow“ von mehreren Polizeifahrzeugen umstellt und ihre Autos durchsucht worden sind. In diesem Zusammenhang konnten Transparente, CDs und Flugblätter sichergestellt werden. Auf einschlägigen Webseiten ist immer wieder von „Schikanen“ durch die Polizei zu lesen. Es ist nicht auszuschließen, dass die örtlichen Beamten Vorfälle aus dem Jahr 2008 noch nachtragen. Seinerzeit lud Neonazi-Kader Reik Pudszuhn zu seiner Geburtstagsfeier in das Etablissement „Zur Grotte“ und löste damit einen Großeinsatz der Polizei aus. Mehr als 50 Beamte versuchten, die anwesenden Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wieder nach Hause zu schicken. Etwa 50 Neonazis stürmten daraufhin in die Stadt, zündeten Pyrotechnik und grölten Parolen wie „Nationaler Sozialismus jetzt“. Als die Polizei den Zug stoppen wollte, wurde eines ihrer Fahrzeuge angegriffen, wobei die Scheiben zu Bruch gingen. Es folgte ein Warnschuss, ein 23-jähriger Neonazi aus Lalendorf wurde inhaftiert.


Reik Pudszuhn auf der NDP-Demonstration am 01.05.2010 in Rostock

Reik Pudszuhn selbst ist wegen einschlägiger Delikte polizeibekannt. Der 20-jährige Familienvater stand bereits mehrfach wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht und spielt auf Demonstrationen bisweilen den „Anheizer“. Am 1. Mai 2009 fuhr Pudszuhn mit Neonazis bis nach Dortmund, um das rebellische Flair der „Autonomen Nationalisten“ in der Großstadt zu schnuppern. Zudem klebt er regelmäßig Aufkleber und ist in Teterow als Redner bei einer Spontandemonstration für den ermordeten Kevin Plum aufgetreten. Seine Leidenschaft für Kampfsport teilt Reik Pudszuhn mit seinem aus Teterow stammenden Kameraden Siegfried Hille, der offensichtlich auf keiner Neonazi-Demonstration in der Region fehlen darf. Als Zeuge im Pölchow-Prozess ließ sich Hille von David Petereit an die Hand nehmen und verkündete im Gerichtssaal stolz, regelmäßig für die NPD Flugblätter zu verteilen. In seiner Wahlheimat Rostock streut Siegfried Hille fleißig weiter NPD-Propaganda. Im Gegensatz zu Pudszuhn und Hille verzichtet ihr Kamerad Lukas Fischer darauf, „autonomen Nationalismus“ vorzuspielen. Er ist derzeitiger Landesvorsitzender der NPD-Jugend und gibt sich eher ruhig und bedeckt.


Siegfried Hille und Hannes Welchar (beide derzeit wohnhaft in Rostock) bei einer NPD-Demonstration am 24.10.2009 in Stralsund

Für die „Nationale Offensive Teterow“ ist dieses „Saubermann-Image“ kein erklärtes Ziel. In Teterow und Umgebung geben sich Neonazis provokant und gewalttätig, wenn sie etwa Veranstaltungen für Demokratie und Toleranz oder zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus stören. Am 8. Mai 2010, dem Tag der Befreiung, stellten sich etwa 20 Neonazis Bürger_innen in den Weg, die am sowjetischen Ehrenmal eine Gedenkveranstaltung abhalten wollten. Am Volkstrauertag im folgenden November störten abermals etwa 20 Neonazis lautstark eine Kranzniederlegung. Auch die Welle von Angriffen auf Bürgerbüros, mit der sich demokratische Politiker_innen in Mecklenburg-Vorpommern im letzten Jahr konfrontiert sahen, machte vor Teterow nicht halt. In der Nacht zum 26. Mai 2010 verübten Neonazis etwa einen Farbanschlag auf das Wahlkreisbüro einer CDU-Politikerin. Doch nicht nur Bürgerbüros, auch Privaträume wurden zur Zielscheibe der Neonazis: So wurden etwa mehrmals Wohnhaus und Fahrzeug eines SPD-Mannes beschmiert, der sich vor Ort gegen die Neonazis engagiert. Grotesker Weise verteilte die „Nationale Offensive Teterow“ am 4. September 2010 Flugblätter „gegen linksextreme Gewalt“, wenige Monate darauf störte sie eine Veranstaltung „Demokratie liest“ in der örtlichen Stadtbibliothek.

Probleme mit Neonazis werden ignoriert und kaschiert

Seit geraumer Zeit versuchen Neonazis in Teterow, gezielt Bürger_innen einzuschüchtern und in ihren Möglichkeiten der politischen Mitwirkung einzuschränken. Übergriffen und Drohungen gegenüber nicht-rechten Jugendlichen sowie Kommunalpolitiker_innen steht die Stadt Teterow beinahe hilflos gegenüber. Für den 5. März hatte ein Bündnis aus Parteien und Zivilgesellschaft eine Gegendemonstration angekündigt. Mittlerweile jedoch trat man den Rückzug an und begnügt sich mit einem Treffen am Kirchturm am Vortag. Während die Neonazis in Teterow aufmarschieren, will man demonstrativ die Gardinen zuziehen, statt öffentlich Unmut bekunden.

Die Stadt Anklam, bundesweit als Neonazi-Hochburg bekannt, sollte eigentlich mahnendes Beispiel dafür sein, dass bloßes Wegsehen schwerwiegende Folgen mit sich bringen kann. Durch die weitgehende Ignoranz der Probleme in und um Teterow werden sich diese auch zukünftig verschärfen und Neonazis in der Region ungehindert ihre Strukturen ausbauen. Treff- und Anlaufpunkte wie beispielsweise die Kneipe „Barracuda“, die der Neonazi-Szene für Kameradschaftsabende zur Verfügung steht, müssen öffentlich thematisiert, zivilgesellschaftliche Aktivitäten gegen Neonazis breit initiiert und unterstützt werden. Gegenwärtig ist die Stadt jedoch bemüht, ihr Problem mit Neonazis zu kaschieren: Ihr Geschick darin hat sie bewiesen, als sie wegen anhaltender Schmierereien kurzerhand die Seitenwände einer Bushaltestelle abmontierte.

„Wegsehen statt Handeln?“

Redebeitrag der Antifa A3 Rostock zur Demonstration gegen Rechts am 24. Mai 2008 in Güstrow.

Wie in vielen Gemeinden und Städten gibt es auch in Güstrow keine öffentliche Auseinandersetzungen mit örtlichen Nazis. So spricht Michael Flenker vom Schweriner Verfassungsschutz davon, dass es keine gefestigten rechten Strukturen in und um Güstrow gebe. Der Bürgermeister der Stadt, Arne Schuldt, geht sogar noch einen Schritt weiter: Er sieht in seiner Stadt mehrheitlich linksgerichtete Jugendliche.

Tatsächlich stellt sich die Realität jedoch ganz anders dar. Eine Chronik rechter Übergriffe zeichnet einen Alltag voller Bedrohungen, körperlicher Gewalt und Angst. Nicht nur diese Erfahrungen der Jugendlichen zeigen deutlich, dass es in der Stadt sehr wohl eine aktive, organisierte und gewalttätige Naziszene gibt.

So beteiligten sich im April 2007 unter anderem Güstrower Nazis an einem Angriff auf eine antifaschistische Demonstration in Wismar. Hierbei beschossen mehrere Rechte Teilnehmer_innen der Demonstration mit Glaskugeln.

Am 30. Juni 2007 griffen etwa sechzig Nazis in Pölchow einen Zug an, in dem sich alternative Jugendliche auf dem Weg nach Rostock befanden. Die Angreifer zerschlugen die Scheiben des Zuges und verletzten mehrere Zugfahrer_innen erheblich. Auch an diesem Überfall waren wiederum dutzende Güstrower Nazis aktiv beteiligt.

Anlässlich einer antifaschistischen Demonstration in Güstrow mobilisierte im Juli letzten Jahres die lokale Naziszene kurzfristig vierzig Personen. Ohne aktives Eingreifen der Polizei konnten sie einige Zeit die Demonstration blockieren.

Die Randale von Bützow reihen sich in diese Chronik ein. Eine bis zu dreißigköpfige Gruppe zog plündernd über das Stadtfest, bewarf eintreffende Polizisten mit Flaschen, griff einen türkischen Händler an und attackierte den Imbissladen einer pakistanischen Familie. Nach schleppenden Ermittlungen der Polizei wurden sechs Täter ermittelt. Alle gehören eindeutig zur rechtsextremen Szene, die Hälfte kommt aus Güstrow – unter ihnen auch die stadtbekannte Szenegröße Michael Wolff.

Mit drei Nazibands ist die Stadt Güstrow ein Schwerpunkt der Rechtsrockszene in Mecklenburg-Vorpommern. Seit Anfang 2007 tritt die Band „Painful Awakening“ in Erscheinung und spielte beispielsweise bei einem Rechtsrock-Konzert in Lübben (Brandenburg), bei dem sich Neonazis schwere Ausschreitungen mit der Polizei lieferten. Internationale Bedeutung gewann „Painful Awakening“ durch einen Auftritt beim diesjährigen „Day of Honour“ in Ungarn, eines Festival zu Ehren der Waffen-SS, das von dem in Deutschland verbotenen „Blood&Honour“-Netzwerk organisiert wird. Einen Monat später spielten sie auf einer Rechtsrockveranstaltung in Spanien.

All dies zeigt deutlich, dass in Güstrow von einer aktiven und organisierten Naziszene gesprochen werden kann und muss! Eine Maginalsierung und Verleugnung des Nazi-Problems hätte die ungehinderte Ausbreitung und Festigung von Neonazi-Strukturen zur Folge.

So kann es nicht sein, dass zwei stadtbekannte Nazischläger, in dem hauptsächlich von nicht-rechten Jugendlichen besuchten Treffpunkt „Phönix“ Sozialstunden ableisten. Es ist niemals akzeptabel, dass Nazis Andersdenkende bedrohen, einschüchtern und angreifen, dass alternative Freiräume weiter eingeschränkt werden. Wir fordern die Güstrower Zivilgesellschaft und die Stadtvertreter_innen auf, aktiv und offensiv gegen Nazistrukturen vorzugehen. Deshalb: „Handeln statt Wegsehen!“

Gegen Nazis, für alternative Freiräume, in Güstrow und überall!

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„Polizisten stürmen Neonazi-Klub in Lübben“
Artikel der Lausitzer Rundschau zu den Ausschreitungen in Lübben

„Wider die rechte Normalität“
Demobericht und Fotos auf links-lang.de

Chaostage in Pasewalk

Die Verharmlosung von neonazistischen Aktivitäten nimmt hierzulande gemeinhin „Volkssport“-Charakter an. Um die vorderen Plätze dieser Disziplin, bemüht sich offenbar auch die politische Elite der Stadt Pasewalk. Kaum kündigen NPD und neonazistische Kameradschaften öffentlichkeitswirksame Aktionen an und stören die traute Ruhe, sind Lokalpolitiker darum bemüht Imageschäden von der Stadt abzuwenden. Nicht Auseinandersetzung fordern sie, sondern Verbote sollen her. Zu guter letzt geht in der Kleinstadt Pasewalk turnusmäßig die Angst vor dem „Schwarzen Block“ um, den die rechten Aufmärsche offenbar anziehen. Es werden Gewaltszenarien herbeigeredet und Ängste geschürt, denn irgendwie sind sie unheimlich – diese „Autonomen“.

Verständlich also, wenn CDU-Fraktionschef Michael Busch, hinsichtlich der NPD-Demonstration gegen ein alternatives Kulturprojekt am vergangenen Samstag, Wert darauf legt, dass sich seine Partei, sowohl von den Neonazis, als auch von ihren linken Gegnern ganz klar distanziere. „Unser Dank gilt den Polizeikräften, die eine Eskalation beim Aufeinandertreffen der linken und rechten Chaoten verhindert haben,“ so Michael Busch, in dem Glauben, dass „beide Lager“ von außerhalb in die Stadt einfallen. Davon, dass die NPD zur Landtagswahl 2006 in Pasewalk 10,1 Prozent der Zweitstimmen für sich verbuchen konnte, lässt sich Busch nicht beirren. Auch der Strasburger Mogens Brattig von der FDP wollte ein Zeichen setzen und deutlich machen „[…] ,dass wir uns friedlich gegen rechte, aber auch linke Extremisten stellen“. „Pasewalk wird zunehmend zum Spielplatz von linken Chaoten,“ beklagt auch die NPD vollmundig. Nach eigenem Bekunden, hieß es im Auflagenbescheid für ihre Demonstration, dass Veranstaltungen von „Bunt statt Braun“ gewaltbereiten linken Gruppierungen der Stadt in der Vergangenheit als Anlaufpunkte dienten. Weiter heißt es dort: „Bei Aufzügen der NPD [war] in Pasewalk […] bisher stets eine hohe Gewaltbereitschaft durch linke Gegendemonstranten zu verzeichnen.“ Unter Berufung auf einen Artikel in der Pasewalker Zeitung, sieht die NPD die Oststadt der größten Stadt der Uecker-Randow-Region gar schon in der Hand der Autonomen. Die Landesregierung kann diese Einschätzungen offenbar nicht teilen, im Gegensatz zu lokalen Behörden und Medien der Stadt Pasewalk, liegen ihr bis dato „keine Hinweise vor, dass in Pasewalk linksautonome Gruppierungen bestehen oder sich entwickeln.“
Schon 2005 hatten Stadtvertreter ihren Unmut gegenüber Gegendemonstrationen Luft gemacht. „Wir haben ein Problem mit gewaltbereiten Gegendemonstranten,“ verkündete Hauptausschussmitglied Rüdiger Behrendt (CDU) im Vorfeld einer geplanten Demonstration des „Heimatbund Pommern“ (HbP), der zuvor über Monate unbemerkt seine Aktivitäten in der Region steigern konnte. Pasewalks Bürgermeister Rainer Dambach (parteilos) wollte dahingehend weder den Neonazis, noch „bunten, gewaltbereiten Chaoten“ die Straße überlassen. Volker Böhning, Landrat des Uecker-Randow-Kreises (CDU), gestand unverhohlen: „Ich bin […] kein Freund von Gegendemonstrationen. Das ist bisher meist eskaliert“. Das zivilgesellschaftliche Engagement war demzufolge eher verhalten, Jugendliche polizeilicher Willkür und neonazistischer Gewalt ausgeliefert. Zur Erinnerung: Bei Vorkontrollen der 260 Rechtsextremisten, die sich der Demonstration von HbP-Kader Ricardo Kaster anschlossen, wurden Sturmmasken, Messer, ein Totschläger, sowie ein Baseballschläger sichergestellt. Noch vor Beginn des Aufmarsches wurden zwei Jugendliche auf dem Pasewalker Marktplatz angegriffen: die Täter schlugen zunächst mit einer Glasflasche auf einen 21jährigen ein, der einen Schlüsselbeinbruch davon trug. Als sein Freund ihm zur Hilfe eilte, wurde dieser mit einem Schraubenzieher attackiert und erlitt mehrere Stichwunden. Lutz Gießen, Redner auf der Demonstration, belästigte und schubste seine politischen Gegner schon während der Anreise in der Bahn und hatte auf der Demonstration sinngemäß angekündigt, auch die Faust gegen Andersdenkende einzusetzen.
„Leugnen, Kleinreden, Ignorieren – dieses Verhalten vieler kommunaler Vertreter und Vertreterinnen hat der NPD den Weg geebnet“, kritisierte Maria Hinrich, Sprecherin der Kampagne „Keine Stimme den Nazis“, noch bevor die NPD mit sechs Abgeordneten in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern ziehen konnte und damit für Entsetzen unter den demokratischen Parteien sorgte. Nahezu inflationär gebrauchte Kampfansagen verschiedenster Parteien gegen Rechtsextremismus und Rassismus vorzugehen, sind offenbar auch ein Jahr darauf in weiten Landstrichen Mecklenburg-Vorpommerns nur Schall und Rauch. Nicht die Übernahme rechter Rhetorik und die Kriminalisierung von antifaschistischen Protesten durch die örtliche Politik, sondern die kontinuierliche, aktive Unterstützung der wenigen Gegenbewegungen, von zivilgesellschaftlichen Initiativen und alternativer Jugendkultur ist im ländlichen Raum gefordert.

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ja wo laufense denn?
Ein kurzer Demobericht mit Bildern aus Pasewalk von der Antifaschistischen Offensive Neubrandenburg

Lichtenhagen ’92: „Es war für viele ein Fest“

Podium beklagt unzureichende Aufarbeitung des Pogroms
Eine Pressemitteilung der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ vom 05. Oktober 2007

Mit einer lebhaften Podiumsdiskussion endete am Donnerstag, dem 4. Oktober 2007, die sechswöchige Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken – Erinnerung schaffen“, mit der die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ durch Vorträge und Diskussionen an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen erinnerte. Der Frage „15 Jahre Lichtenhagen – aufgearbeitet, vergessen oder verdrängt?“ stellten sich, neben Prof. Dr. Hajo Funke von der FU Berlin, Phuong Kollath von „Diên Hông“ und Adelheid Pevestorf vom Ortsbeirat Lichtenhagen, sowie Lena Fassnacht von „Bunt statt Braun“ und ein Vertreter des Opferberatungsvereins „Lobbi“. Durch die Abendveranstaltung in der Aula der Universität Rostock führte Torsten Raedel.

„Die Brandkatastrophe von Rostock Lichtenhagen vor 15 Jahren ist im Bewußtsein der Gefahren von Vertretern der Landes- und Teilen der Bundesregierung zugelassen worden,“ so Hajo Funke zu Beginn der Diskussion. Rechtsextremisten, die applaudierende Menge und zahlreiche Jugendliche, die später mit ihren „Heldentaten“ prahlten, konnten ungestört agieren, weil die politisch Verantwortlichen nicht gehandelt hätten. „Es war für viele ein Fest,“ umschreibt Funke die zynische Pogromstimmung jener Tage im August 1992.
Jeden Morgen führte der Weg von Adelheid Pevestorf seinerzeit über die Grünfläche vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST): „Es war ein Jammer zu sehen wie Sinti und Roma dort hausen mussten.“ Diese unhaltbaren Zustände hätten alte Vorurteile aufgewärmt und die rassistische Stimmung innerhalb der Bevölkerung anwachsen lassen. „Wichtig ist das hier nichts verharmlost wird und nichts unter den Tisch fällt,“ so Pevestorf, die sich von der Veranstaltungsreihe angetan zeigte. Von tendenziöser Berichterstattung distanziere sich der Ortsbeirat jedoch, zumal dies nichts zur notwendigen Aufarbeitung beitrage.
„Der Krieg den ich bis zum 10. Lebensjahr in Vietnam erlebt habe, verfolgt mich jetzt hier wieder,“ schilderte Phuong Kollath ihre persönlichen Erinnerung an die Pogromnächte. Sie hatte selbst zehn Jahre im „Sonnenblumenhaus“ gelebt und engagiert sich seit 1994 bei „Diên Hông“. Der Verein gründete sich unmittelbar nach den rassistischen Ausschreitungen, um den Vietnamesen Schutz zu bieten und rassistische Vorurteile abzubauen.
In der Kritik stand vorallem die unzureichende Auseinandersetzung der Stadt und der Umstand, dass auch 15 Jahre später noch kein Mahnmal an die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Funke würde es begrüßen, wenn von der Stadt ein klares Zeichen ausgeht und „so ein Mahnmal in der Mitte der Stadt exisitiert.“

Die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ kündigte an, auch gegenwärtig Debatten um die Erinnerung an das Pogrom von Lichtenhagen anzustoßen, um die Ereignisse zurück ins Gedächtnis zu holen. Eine bereits geplante Veranstaltung mit der deutsch-französischen Journalistin Beate Klarsfeld soll noch in diesem Jahr nachgeholt werden. Klarsfeld kämpft seit Jahrzehnten für die Aufklärung und Verfolgung von Naziverbrechen und versuchte im Oktober 1992 mit einer Delegation französischer Juden, gegen den massiven Widerstand der Stadt Rostock, ein Gedenken an die Ausschreitungen in Lichtenhagen durchzusetzen.

„Aufgearbeitet, vergessen oder verdrängt?“

Eine Veranstaltungsankündigung der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ vom 01. Oktober 2007

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken – Erinnerung schaffen“, mit der die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ durch Vorträge und Diskussionen an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 erinnern möchte, findet am 04.10.2007 um 19.00 Uhr in der Aula der Universität Rostock (Universitätsplatz 1) eine Podiumsdiskussion statt. Die Frage „15 Jahre Lichtenhagen – aufgearbeitet, vergessen oder verdrängt?“ wird an diesem Abend aus Sicht engagierter Menschen der Rostocker Zivilgesellschaft, der Anwohner des Stadtteils Lichtenhagen, der heute in der Hansestadt lebenden Migranten, aber auch aus wissenschaftlicher Perspektive diskutiert. Unter anderem wird darüber debattiert, welche Konsequenzen die öffentliche Auseinandersetzung hatte und welche Rolle die Erinnerung an die Ereignisse im August 1992 heute im öffentlichen Bewusstsein spielt. Im Podium werden u.a. der Berliner Politologie Prof. Hajo Funke, Adelheid Pevenstorf vom Ortsbeirat Lichtenhagen, Phuong Kollath vom Verein Dien Hong, sowie Lena Fassnacht von Bunt statt Braun e.V. und AktivistInnen, die sich wahrend und nach den Ausschreitungen dagegen positioniert haben.

„Von Lichtenhagen in den Landtag“

Andreas Speit warnt vor Wandlungen der rechtsextremen Szene
Eine Pressemitteilung der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ vom 11. September 2007

Die rechtsextreme NPD, Kameradschaften und völkische Bünde waren gestern Schwerpunkthemen der Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.“ zur Erinnerung an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992. Der Hamburger Sozialwissenschaftler und Journalist, Andreas Speit, warnte davor einfach über die Modernisierung der einst reaktionären Altherrenpartei NPD hinwegzusehen.

Während die NPD 1992 politisch ein Rand-Dasein fristete, hätten sie es nach der Einschätzung von Andreas Speit, durch eine „strategische Umorientierung und programmatische Neuausrichtung“ geschafft, in der Mitte Fuß zu fassen. Neben verbindlichen Wahlabsprachen und der Zusammenarbeit zwischen NPD und Kameradschaften, sieht Speit den Erfolg der NPD vor allem im Ausbau der kommunalen Verankerung begründet. „Vor Ort Themen aufgreifen und sich vor Ort um die Leute kümmern,“ sei laut Speit die offizielle Devise der rechtsextremen Partei beim Kampf um die Gunst der Wählerstimmen. „Die Janusköpfigkeit der NPD“, die vor Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele nicht zurückschreckt, sei durch Einschüchterungen politischer Gegner im Wahlkampf deutlich geworden.
Michael Andrejewski ist nach Ansicht von Speit ein Paradebeispiel dafür, wie es Neonazis “von Lichtenhagen in den Landtag” geschafft haben. 1992 verteilte Andrejewski in den Neubaugebieten um Rostock-Lichtenhagen Flugblätter, die zum „Widerstand gegen die Ausländerflut“ aufriefen. Heute ist er Abgeordneter der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.

Mit Vorträgen und Diskussionsrunden erinnert die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ noch bis zum 4. Oktober 2007 mit einer Veranstaltungsreihe an das Pogrom von 1992. Die Ausschreitungen standen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Debatte um die Begrenzung des Asylrechts in Deutschland. Jene Maßnahmen, die immer zu Lasten von Asylsuchenden gingen und ihren Höhepunkt in der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl – als Folge des Pogroms – fanden, werden am kommenden Mittwoch, dem 19. September, thematisiert. Die Veranstaltung „Vom Recht auf Asyl zum Abwehrkampf gegen Flüchtlinge“ mit Dipl.-Sozialökonomin und No-Lager-Aktivistin Gisela Reher, beleuchtet die fortgeschrittenen Maßnahmen zur Abwehr von nicht-gesteuerter Migration und beginnt um 19 Uhr im Haus Böll (Mühlenstraße 9).

An der Auseinandersetzung mit der bisherigen Aufarbeitung des Pogroms und seinen politischen Auswirkungen, beteiligt sich unter anderem auch die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld, die seit Jahrzehnten für die Aufklärung und Verfolgung von Naziverbrechen kämpft. Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe wird mit einer Podiumsdiskussion, bei der Betroffene, Entscheidungsträger und Beobachter zu Wort kommen, ein Blick auf den öffentlichen Umgang mit den Ereignissen von 1992 geworfen und hinterfragt, welche Bedeutung die Erinnerung an Lichtenhagen heute hat.

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„Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.'‘
Flyer zur Veranstaltungsreihe

„NPD-Verbot ist das Gegenteil von Auseinandersetzung“

Hitzige Diskussionen über Rassismus ‚aus der Mitte’ in der Rostocker Universität
Eine Pressemitteilung der Initiative “Lichtenhagen begreifen” vom 05.09.2007

Gemeinsam mit Freerk Huisken und der Initiative ‚Lichtenhagen begreifen’ diskutierten gestern etwa 70 Interessierte im Rostocker Institut der Physik über Rassismus und ein Verbot der NPD. Die Veranstaltung „Warum Demokraten die (Neo-)Faschisten nur verbieten, nicht aber kritisieren können“, war Teil der Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.“ zur Erinnerung an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen.

Freerk Huisken, Professor der Universität Bremen, hat sich unter anderem in „Deutsche Lehren aus Rostock und Mölln“ und „Brandstifter als Feuerwehr: Die Rechtsextremismus-Kampagne“ ausführlich mit Rassismus und den Ereignissen von Lichtenhagen auseinandergesetzt.
Huisken ging der Frage nach, inwieweit die Demokratie Neofaschismus selbst hervorbringt und wie der Umgang damit zu bewerten ist.

Der Fall Mügeln habe gezeigt, wie die „allgemeine Verbreitung von Rassismus“ angeführt wird, um neofaschistische Gewalt zu verharmlosen: „Der Sumpf aus dem sich der organisierte Rechtsextremismus nährt – und wie im Fall „Lichtenhagen ’92“ Beifall klatscht – soll mit dem organisierten Rechtsextremismus nichts zu tun haben,“ kritisierte Huisken und geht auf Konfrontation mit Parteipolitikern: „Alle Politiker teilen den nationalistischen Standpunkt zu Deutschland, der bei den Neofaschisten auch zu finden ist. […] Die verprügelten Inder fallen den Politikern nur ein, aufgrund der Angst um das moralische Ansehen und den Standortfaktor Deutschland.“
Im „Kern der Verbotsdebatte“ demokratischer Parteien um die rechtsextreme NPD, sieht Huisken „die parlamentarische und außerparlamentarische Konkurrenz durch Neofaschisten“. Laut Huisken, käme ein NPD-Verbot dem Ende der Auseinandersetzung gleich, außerdem würde hier „mit faschistischen Methoden gegen Faschisten“ vorgegangen. Zu seinem Bedauern, weicht die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Programmatik neofaschistischer Parteien und Organisationen oftmals der Stigmatisierung und dem Ruf nach staatlicher Gewalt.

Die NPD, so genannte „Freie Kameradschaften“ und neonazistische Gewalt werden am 10. September noch mal Schwerpunktthema der Veranstaltungsreihe sein. Der Hamburger Journalist und Autor, Andreas Speit, wird über den „modernen Rechtsextremismus“ referieren. Speit recherchiert seit Jahren zur Neonazi-Szene in Norddeutschland. Aktuell veröffentlichte er: „Rechtsextremisten in Norddeutschland. Wer sie sind und was sie tun!“. Die Veranstaltung „Von Lichtenhagen in den Landtag“ beginnt um 19 Uhr beim Verein „Dau wat“, Am Schmarler Bach 3.

Bis zum 4. Oktober 2007 erinnert die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ mit Vorträgen und Diskussionsrunden an das Pogrom von 1992. An der Auseinandersetzung mit der bisherigen Aufarbeitung der Ereignisse, beteiligen sich unter anderem namhafte Referentinnen und Referenten wie Beate Klarsfeld, Andreas Speit und Dr. Hajo Funke.

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Freerk Huisken
Texte, Termine und weitere Informationen von und über Huisken

„Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.'‘
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Aus der ‚Mitte der Gesellschaft’

Initiative „Lichtenhagen begreifen“ diskutiert Rassismus und NPD-Verbot
Eine Pressemitteilung der Initiative “Lichtenhagen begreifen” vom 03.09.2007

Freerk Huisken, Professor an der Universität Bremen, wird in Zusammenarbeit mit der Initiative ‚Lichtenhagen begreifen’ am Dienstag, den 04. September 2007, über Rassismus aus der ‚Mitte der Gesellschaft’ referieren. Die Veranstaltung „Warum Demokraten die (Neo-)Faschisten nur verbieten, nicht aber kritisieren können“ beginnt um 19 Uhr im Institut der Physik am Universitätsplatz 3.

Huisken wird der Frage nachgehen, inwieweit das demokratische Deutschland den Rassismus, aus dem Neonazis den Nährboden für ihre menschenverachtende Propaganda ziehen, selbst hervorbringt und wie der Umgang mit rechtsextremen Parteien wie der NPD zu bewerten ist.
„Wenn demokratische Volksparteien den ‚rechten Rand’ besetzen und so neo-faschistischen Parteien die Wähler abspenstig machen wollen und wenn Demokraten als Mittel gegen die neuen faschistischen Parteien nur einfällt, was Faschisten gegen demokratische Parteien eingefallen ist, nämlich das Verbot, dann gilt es einmal unvoreingenommen zu prüfen, ob wirklich den ‚Anfängen zu wehren’, also die Demokratie vor Faschisten zu schützen ist,“ so Huisken.
Freerk Huisken veröffentlichte unter anderem „Deutsche Lehren aus Rostock und Mölln“ und „Brandstifter als Feuerwehr: Die Rechtsextremismus-Kampagne“.

Unter dem Beifall von tausenden, schaulustigen Anwohnern und nahezu unbehelligt von der Polizei kam es im August 1992 im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen zu den massivsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nachdem Asylbewerber monatelang gezwungen waren, ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen und Nahrungsmitteln, vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) zu kampieren, begannen, die zuvor in der Lokalpresse angekündigten, pogromartigen Ausschreitungen auf eine Flüchtlingsunterkunft und ein benachbartes Wohnheim von Vertragsarbeitern aus Vietnam.

Die Initiative „Lichtenhagen begreifen“ erinnert mit der Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.“ an das Pogrom von 1992. Namhafte Referentinnen und Referenten werden vom 29. August bis zum 4. Oktober 2007 in Vorträgen und Diskussionsrunden die Hintergründe des Pogroms beleuchten und sich kritisch mit der bisherigen Aufarbeitung auseinandersetzen.

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Freerk Huisken
Texte, Termine und weitere Informationen von und über Huisken

“Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.‘’
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„The Truth lies in Rostock“

Gestern Eröffnung von Veranstaltungsreihe zu „Lichtenhagen ’92″ – Dokumentation soll breitem Publikum zugänglich gemacht werden
Eine Pressemitteilung der Initiative “Lichtenhagen begreifen” vom 30.08.2007

Mit dem Film „The Truth lies in Rostock“ (Die Wahrheit lügt in Rostock) und einem Vortrag von Augenzeuge Ols Weidmann, der am Film mitgewirkt hatte, wurde gestern eine Veranstaltungsreihe zur Erinnerung an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen eröffnet. Etwa 40 Zuhörer waren der Einladung der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ in den Waldemarhof gefolgt, um die Ereignisse von 1992 zurück in den Blick der Öffentlichkeit zu holen.

Auch 15 Jahre nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen stand das völlige Fehlverhalten von staatlichen Behörden und Polizei in der Kritik. Lichtenhagen sei beispielhaft dafür, „wie es für einen kurzen Zeitraum möglich war, dass Behörden gänzlich die Kontrolle verlieren und Verantwortlichkeiten wissentlich von sich weisen“, so Rechtsanwalt Ols Weidmann. Betroffen zeigte sich eine Zuhörerin und verwies darauf, dass „seltsamer Weise noch immer keine Gedenktafel an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen erinnert.“

„The Truth lies in Rostock“ sollte die „Situation in der Stadt einfangen“ und „Erklärungen liefern, von Menschen die dort wohnen,“ beschreibt Ols Weidmann die Entstehung der umfassenden Dokumentation über die Ereignisse von 1992. Nach einem dreiviertel Jahr intensiver Arbeit wurde der Film zunächst im britischen, später im deutschen Fernsehen ausgestrahlt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für die Uraufführung in Rostock diente einst der Barocksaal im Rathaus. Das „Institut für neue Medien“ sucht derweil Förderer, um das zeitgeschichtliche Dokument 15 Jahre später in DVD-Format zu übertragen, um es einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Mit mehreren Ankündigungen in der Lokalpresse begannen im August 1992 die Angriffe auf eine Flüchtlingsunterkunft in Rostock-Lichtenhagen und griffen schnell auf ein benachbartes Wohnheim von Vertragsarbeitern aus Vietnam über. Fast unbehelligt von der Polizei und mit Unterstützung tausender Anwohner konnten die Angreifer tagelang wüten. Um „Einsatzwillen“ zu zeigen wurden hingegen Antifaschisten festgenommen, die mit einer spontanen Demonstration ihre Solidarität mit den Angegriffenen bekunden wollten.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.“ thematisieren vielfältige Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen vom 29. August bis zum 4. Oktober 2007 und Podiumsdiskussionen mit namhaften Referentinnen und Referenten die Geschehnisse von 1992 und beleuchten die Hintergründe des Pogroms. Am 4. September wird Freerk Huisken, Professor an der Universität Bremen, über Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft referieren. Die Veranstaltung „Warum Demokraten die (Neo-)Faschisten nur verbieten, nicht aber kritisieren können“ beginnt um 19 Uhr im Institut der Physik am Universitätsplatz 3.

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„Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.'‘
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„Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.“

Antifaschistische und Antirassistische Gruppen erinnern mit einer Veranstaltungsreihe an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen
Eine Pressemitteilung der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ vom 28. August 2007

Die sechswöchige Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.“ zur Erinnerung an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen wird am Dienstag, dem 29.08.2007, von der Initiative „Lichtenhagen begreifen“ im Waldemarhof eröffnet. Zur Auftaktveranstaltung wird Augenzeuge Ols Weidmann die Ereignisse schildern und die damalige Situation bewerten.

Rechtsanwalt Ols Weidmann wurde 1992 in den angegriffenen Häusern Augenzeuge und Betroffener der Ausschreitungen. Im Waldemarhof, in der Waldemarstraße 33, wird er um 20 Uhr von seinen Erfahrungen berichten und die damalige Situation bewerten. Im Anschluss wird der Dokumentarfilm „The truth lies in Rostock“ gezeigt.

„Aktuelle Vorfälle in Mügeln und Bützow zeigen, dass die stetige Erinnerung an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit neonazistischer Gewalt und Rassismus notwendig ist,“ erklärt Pressesprecher Lukas Strübl: „Es kann nicht sein, dass 15 Jahre nach den Ausschreitungen in Rostock wieder Menschen, unter den Augen vieler Anwohner, von Neonazis durch die Straßen gehetzt werden, während Polizei und Behörden untätig bleiben“.
Auch Pressesprecherin Corinna Hirsch fordert mehr Zivilcourage: „‚Lichtenhagen ´92’ bleibt ein Symbol für das Umschlagen von Rassismus und Nationalismus in mörderische Gewalt, für die fortdauernde Ausgrenzungspolitik gegenüber Migrantinnen und Migranten und nicht zuletzt für Verdrängung und Schlussstrichmentalität angesichts der kollektiven Scham über das Pogrom“.

Im August 1992 griffen über mehrere Tage hinweg hunderte Neonazis, unter dem Beifall tausender Anwohnerinnen und Anwohner, die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und das benachbarte Wohnheim im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen an. In Erinnerung an dieses menschenverachtende Ereignis initiiert ein Bündnis antifaschistischer und antirassistischer Gruppen die Veranstaltungsreihe „Verantwortung denken, Erinnerung schaffen“. Vom 29. August bis zum 4. Oktober 2007 thematisieren vielfältige Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen mit namhaften Referentinnen und Referenten die Geschehnisse von 1992 und beleuchten die Hintergründe des Pogroms.

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„Verantwortung denken. Erinnerung schaffen.'‘
Flyer zur Veranstaltungsreihe