Archiv der Kategorie 'Völkische Bünde'

Neonazis werben für Studium in Mecklenburg-Vorpommern

Gegenüber Studenten mit extrem rechter Gesinnung bleibt die Uni Rostock untätig

Eine Pressemitteilung der Antifa A3 vom 29. Juni 2010

Da Neonazis an den Universitäten und Fachhochschulen nahezu unbehelligt studieren können, wirbt eine NPD-Internetseite bei Gleichgesinnten für ein Studium in Mecklenburg-Vorpommern. Die Meldung auf dem Internetportal „Mupinfo“ ist eine Reaktion auf Flugblätter, die am 22. Juni in den Räumen der Universität auftauchten und auf die neonazistischen Aktivitäten von zwei Studenten hingewiesen hatten.

Die Flugblätter, die in der letzten Woche an den Instituten für Germanistik und Geschichte sowie dem Institut für Immunologie verteilt wurden, richten sich gegen die immatrikulierten Studenten Anita S. und Ragnar Dam. Beide waren bis zu ihrem Verbot in der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) aktiv und bewegen sich weiterhin in den alten Strukturen. Gemeinsam mit NPD- und früheren HDJ-Aktivisten verteilten sie im letzten Jahr Flugblätter gegen das „Festival der Demokratie“ in Wismar. Ragnar Dam beteiligte sich zudem in den letzten Monaten an zahlreichen rechtsextremen Großveranstaltungen wie in Dresden oder Pößneck, aber auch an diversen Aktivitäten der NPD in Mecklenburg-Vorpommern.

Vor dem HDJ-Verbot galt er als Chef der „Leitstelle Nord“ und wirkte maßgeblich an der Freizeitgestaltung von Zeltlagern mit, bei denen Kinder und Jugendliche militärisch gedrillt und in nationalsozialistischer Weltanschauung unterrichtet wurden. Im Januar 2007 hielt er in Niedersachsen vor zum Teil Minderjährigen eine „Rasseschulung“ ab, die laut Verfassungsschutz „auf einer Lehrgangsplanung für den Führernachwuchs der Waffen-SS“ basierte. Anschließend zeigte er den antisemitischen NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“. Das Berliner Landesgericht verurteilte Ragnar Dam im Mai 2010 unter anderem wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. Laut Medienberichten hatte er sich eine geringere Strafe erhofft, damit seine Promotion nicht gefährdet ist.

Nachdem bereits 2008 bekannt geworden war, dass Dam an der Universität Greifswald sein Diplom mache, gab es noch öffentliche Stellungnahmen von Prorektor, Pressesprecher und Professoren. Wahrnehmbare Reaktionen seitens der Universität Rostock auf die Neonazi-Aktivitäten von Ragnar Dam und Anita S. blieben jedoch aus. Auch das Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften, das regelmäßig durch Forschungsarbeiten über Rechtsextremismus in MV auf sich aufmerksam macht, zeigt bisher kein Interesse an einer hochschulpolitischen Debatte. Auf der NPD-Internetseite „Mupinfo“ nehmen Neonazis die ausbleibenden Reaktionen nun zum Anlass, sich als „vollauf integriert, gesellschaftsfähig und beinahe modern“ zu präsentieren. Für ein Studium an den Hochschulen des Landes werbend, heißt es dort weiter: Man könne hier „in einem angenehmen Umfeld unter zahlreichen Gleichgesinnten weitgehend ungestört seinen Studien nachgehen“ und würde gar Solidarität durch die Kommilitonen erfahren.

„Universitätsleitung und Studierendenschaft verweigern sich einer wahrnehmbaren Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus und Sexismus“, kritisiert Caroline Jürgens von der Antifa A3: „Bereits in den Vorjahren gab es Diskussionen um Neonazis an der Hochschule, ohne dass dies zu einer breiteren Auseinandersetzung oder klaren Positionierung geführt hat. Zudem wurde der rechten Politsekte um den Ahriman-Verlag in diesem Jahr bereits zweimal ein Podium in den Räumen der Universität geboten. Die universitären Gremien können sich der Diskussion nicht länger entziehen. Sie sind gut beraten, der Propagierung menschenverachtender Ideologien klare Grenzen zu setzen.“

Flugblätter enttarnen Neonazi-Aktivisten

An der Rostocker Universität können Neonazis unbehelligt ihrem Studium nachgehen

Zwei Neonazis, die sich in der mittlerweile verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ organisierten, studieren derzeit an der Universität Rostock. An den entsprechenden Instituten finden seit dem 22. Juni Flugblätter ihre Verbreitung, die über die neonazistischen Aktivitäten von Anita S. und Ragnar Dam informieren. Letzterer wurde jüngst wegen Volksverhetzung verurteilt. Während sich universitäre Gremien in Stillschweigen hüllen, werben Neonazis im Internet bei ihresgleichen für ein Studium an den Hochschulen des Landes.

Der „Wolf im Schafspelz“

Als Neonazi- und frühere HDJ-Aktivistin weisen Flugblätter, die an den Instituten für Geschichte sowie Germanistik verteilt wurden, die Studentin Anita S. aus. Auf der Internetplattform Studi-VZ posierte sie auf einem Foto mit einem Karabiner vor einem erlegten Bullen. Sie selbst bezeichnete sich dort als „Wolf im Schafspelz“. Gleichwohl falle Anita S. in Seminaren an der Universität Rostock durch ihr reaktionäres Weltbild auf. Auch hinter dem Thorshammer, den sie trage, stecke laut der namenlos verbreiteten Mitteilung mehr als ein Faible für germanische Mythologie.

Anita S. sei nicht nur mehrfach Teilnehmerin von Zeltlagern der HDJ gewesen, sondern „tief in jene Neonazi-Strukturen involviert“. Auch nach dem Organisationsverbot soll sie Kontakt zu deren Kadern pflegen. Explizit genannt werden David Petereit und Ragnar Dam. Im Mai 2009 verteilten die drei mit weiteren NPD- und früheren HDJ-Aktivisten – die sich vor Ort in Clownskostümen und mit dem Transparent „Willkommen in Multikultopia“ präsentierten – Flugblätter gegen das „Festival der Demokratie“. Passend dazu tummelte sich S. im Internet im sogenannten „Bündnis für Tolerie und Demokranz“. Ihre enge Bindung an die Rostocker Neonazi-Szene demonstrierte Anita S. auch nach dem „Outing“ an der Hochschule. Die NPD-Internetseite „Mupinfo“, für die Petereit verantwortlich zeichnet, bot ihr Raum für eine kurze Stellungnahme.

Ein Rassenideologe auf den Spuren der Waffen-SS

Ragnar Dam, der am Institut für Immunologie promoviert, äußerte sich bisher nicht öffentlich zu dem unverhofften „Outing“. Auch auf Dams Internetseite, die Auskunft über seinen wissenschaftlichen und beruflichen Werdegang gibt, sucht man vergeblich nach Hinweisen auf seine politische Laufbahn. Kleinlaut und reumütig gab er sich kürzlich vor dem Landgericht Berlin: In einer Erklärung, die er durch seinen Anwalt verlesen ließ, sprach er bezüglich seiner Aktivitäten in der HDJ von einer „Sturm-und-Drang-Zeit“, in der er „nicht viel nachgedacht, sondern mitgemacht“ habe.

Das Denken müsste Ragnar Dam demnach anhaltend schwer fallen, kann der 26jährige doch bereits auf eine langjährige und ebenso nicht endende neonazistische „Karriere“ zurückblicken. In den letzten Monaten zeigte sich Dam auf rechtsextremen Großveranstaltungen wie der Demonstration zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens und dem Rechtsrock-Festival „Fest der Völker“ in Pößneck. Auch bei der Eröffnung des NPD-Bürgerbüros in Grevesmühlen im April 2010 war er vor Ort. Im November 2009 demonstrierte Ragnar Dam mit über 200 Neonazis in Stralsund gegen den „alliierten Bombenterror“ und trat dabei als Trommler auf.

Faksimile: Ragnar Dam am 24. Oktober 2009 auf einer NPD-Demonstration in Stralsund.

Vor dem Verbot der HDJ galt Dam als Chef der sogenannten „Leitstelle Nord“ für Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. In dieser Funktion hat er maßgeblich an der Freizeitgestaltung in den Zeltlagern der HDJ mitgewirkt. Beim „Pimpfenlager“ im mecklenburg-vorpommerschen Költzin gehörten dazu etwa das Basteln von Hakenkreuzmasken sowie uniformierte Fackelmärsche. Bei einer „Julfeier“ im Januar 2007 im niedersächsischen Georgsmarienhütte schulte Ragnar Dam zum Teil Minderjährige in nationalsozialistischer Ideologie. Sein zutiefst rassistischer, antisemitischer und heterophober Schulungsvortrag über die „deutsche Volksgemeinschaft“, die Dam durch „Kaffer“, „langnasige Freunde“ und „Erbkranke“ gefährdet sehe, basierte laut Verfassungsschutz „auf einer Lehrgangsplanung für den Führernachwuchs der Waffen-SS“. Im Anschluss zeigte Dam den Anwesenden den NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“ von 1940, der die Öffentlichkeit seinerzeit auf die Vernichtung der europäischen Juden einstimmen sollte. Vor dem Berliner Landgericht wurde Ragnar Dam im Mai 2010 unter anderem wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten verurteilt. Wie Dam, der bereits ein abgeschlossenes Biologiestudium vorweisen kann, „mit solcher Bildung ernsthaft solche Rasseideologien vertreten kann“, blieb dem zuständigen Staatsanwalt rätselhaft. Laut der aktuellen Ausgabe des „Antifaschistischen Infoblattes“ (AIB #87) erhoffte sich Neonazi Dam eine geringere Strafe, damit seine Promotion nicht gefährdet ist.

Klare Positionierung der Universität Rostock gefordert

Es obliege der „Verantwortung der Universität Rostock, ob sie einen ideologisch gefestigten Rassisten weiterhin eine Promotion im Fach Biologie ermöglichen will, der Rassenkunde betreibt und sich auf pseudowissenschaftliche Biologen stützt“, heißt es in dem an der Universität verbreiteten Papier über den Promovenden Dam. Öffentlich wahrnehmbare Reaktionen seitens der Universitätsleitung sowie auch der Studierendenschaft auf die Neonazi-Aktivitäten von Ragnar Dam und Anita S. blieben bisher aus. Dabei wurde die Forderung, nach einer klaren Positionierung der Universität gegen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus bereits im Zuge des Bildungsstreiks im November des Vorjahres laut und an die universitären Gremien herangetragen. Nachdem 2008 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war, dass Dam an der Universität Greifswald sein Diplom mache, gab es immerhin eine Auseinandersetzung an der Universität sowie Stellungnahmen von Prorektor, Pressesprecher und Professoren.

NPD-Internetseite wirbt bei „nationalen Hochschülern“ für Studium in MV

Das Neonaziportal „Mupinfo“ weiß für die vergangenen Jahre fünf ähnliche „Outing“-Aktionen an der Universität Rostock zu vermelden und schwadroniert in diesem Zusammenhang von „Solidarisierungseffekte[n] im Kommilitonenkreis“. Michael F., der auch als Autor auf der Internetseite auftritt, vormals als Kopf der „Nationalen Sozialisten Rostock“ galt und an der Rostocker Universität im ersten Semester Politik- und Rechtswissenschaften studierte, konnte solche Solidarisierungseffekte offenbar nicht für sich geltend machen. Nachdem seine neonazistischen Aktivitäten Ende 2008 an der Hochschule öffentlich gemacht wurden, war F. immer seltener dort anzutreffen. Ähnlich schwierig gestaltete sich das Studium für ein Mitglied der „Akademischen Landsmannschaft Baltia Rostock“, nachdem sich ebenfalls 2008 unter Studierenden die Nachricht verbreitete, dass der Politikwissenschafts- und Geschichtsstudent Kai O. mit Wehrmachtsdevotionalien und einem T-Shirt der Neonazi-Band „Blue Eyed Devils“ im Internet posierte. Bereits zwei Jahre zuvor wurde der Multifunktionär David Petereit an der Universität „geoutet, der seinerzeit im vierten Semester Jura studierte und seit der Kommunalwahl 2009 die Wählerschaft der NPD in der Rostocker Bürgerschaft vertritt.

Unabhängig vom Engagement Einzelner, verhielt sich die Universität Rostock in all diesen Fällen nicht zu ihren Studierenden mit extrem rechter Gesinnung. Verbunden mit dem Aufruf an die rechtsextreme Klientel an den Hochschulen Mecklenburg-Vorpommerns zu studieren, heißt es auf „Mupinfo“: Man könne hier „in einem angenehmen Umfeld unter zahlreichen Gleichgesinnten weitgehend ungestört seinen Studien nachgehen“. Der Universität ist anzuraten, diesem Ungestörtsein von Neonazis endlich Grenzen zu setzen.

Erneut rechtsextremes Lager für Kinder in Mecklenburg-Vorpommern

Völkisch-bündischer „Sturmvogel“ konnte ungestört Neujahrs-Camp in Neuhof veranstalten

Eine Pressemitteilung der Antifa A3 vom 02. Januar 2010

Zum wiederholten Mal hat in Mecklenburg-Vorpommern ein einwöchiges Camp einer rechtsextremen Gruppierung ungestört stattfinden können. Vom 27. Dezember bis zum 01. Januar nahmen in der Jugend- und Freizeitstätte Recknitzberg bis zu 40 Kinder und Betreuer an der Veranstaltung des „Sturmvogels“ teil, einer rechtsextremen Gruppierung, die sich der ideologischen Erziehung von Kindern verschrieben hat. Weithin sichtbar wehte die „Sturmvogel“-Fahne über das Camp, zu dem sich in Uniformen gehüllte Kinder und minderjährige Jugendliche aus ganz Norddeutschland, viele aus dem Landkreis Nordwestmecklenburg, in Neuhof (Gemeinde Grammow, Landkreis Bad Doberan) eingefunden hatten.

„Nur auf den ersten Blick kann man die Mitglieder des ‚Sturmvogels‘ mit Pfadfindern verwechseln“, teilt Caroline Jürgens, Pressesprecherin der Antifaschistischen Gruppe A3 Rostock, mit. „Wer genauer auf die Uniformierung der Jungen und die Röcke der Mädchen, auf die Symbole und die Inhalte achtet, erkennt hinter der Gruppierung die Tradition völkisch-nationalistischer Organisationen des extrem rechten Spektrums.“

Wie auch die mittlerweile verbotene „Heimattreue Deutsche Jugend“ mit ihren intensiven Überschneidungen zur Neonazi-Szene und zur NPD stammt der „Sturmvogel“ aus der Anfang der 1990er Jahre gleichfalls verbotenen „Wiking-Jugend“. Die verschiedensten Gruppierungen dienen der in sich geschlossenen rechten Szene als Ort, um ihre Kinder mit Gleichgesinnten zusammenzubringen und ihnen frühzeitig ein rassistisches, nationalistisches und anti-demokratisches Weltbild zu vermitteln. Mit Wanderungen, Sportaktivitäten und Kraftmärschen nehmen die Camps zuweilen den Charakter von Wehrsportlagern an.

Um der Beobachtung durch die Öffentlichkeit und Verfassungsschutzbehörden zu entgehen, ist der „Sturmvogel“ streng klandestin organisiert und lässt Veranstaltungshinweise und Publikationen nur Mitgliedern zukommen. Aus diesen geht hervor, dass er sich eng an die Blut-und-Boden-Tradition von Bünden der Vorkriegszeit anlehnt, die eine Rückkehr zu vermeintlichen „germanischen“ Traditionen predigten und die ideelle und personelle Basis des Nationalsozialismus bildeten. Seit der Gründung des „Sturmvogels“ aus der „Wiking-Jugend“ heraus gab es vielfältige Verbindungen zur NPD und anderen rechtsextremen Organisationen.

„Hinter den Uniformen von Gruppen wie dem ‚Sturmvogel‘, der ‚Heimattreuen Deutschen Jugend‘ oder auch dem ‚Heimatbund Pommern‘ verbirgt sich eine weitreichende rechte Parallelwelt“, so Tobias Albrecht, Pressesprecher der Antifa A3 Rostock, weiter. „Systematisch werden Kinder hier an die menschenverachtende Ideologie des Rechtsextremismus herangeführt, um nicht nur die Basis, sondern auch die Elite einer politischen Bewegung zu bilden. Dies macht einmal mehr deutlich, dass die Auseinandersetzung gegen Rechts auf allen gesellschaftlichen Ebenen geführt werden muss.“

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„Siedeln mit historischem Bewusstsein“
Aktueller Bericht der Landesweiten Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt (Lobbi e.V.) über völkische Siedlungsbewegungen in MV.

„Deutscher Jugendbund – Sturmvogel“
Überblicksprofil zum „Sturmvogel“ beim Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz e.V.).